Wachstumsmotor Biotechnologie
Er läuft und läuft und läuft

FrankfurtRheinMain war schon in der Vergangenheit ein starker Chemie- und Pharmastandort. Künftig geht es darum, die Wachstumspotenziale der Biotechnologie optimal auszuschöpfen und sich im Clusterwettbewerb zu positionieren.

Vor Kurzem war zu lesen: Publikumsfonds mit Biotechnologie-Aktien haben sich nicht besser verzinst als ein Sparbuch. War also der ganze Höhenflug um die Entzifferung der menschlichen Erbanlagen und die Aussicht auf Heilung vieler Krankheiten nur viel Aufregung um nichts? Mitnichten, die Frage ist rein rhetorisch. Ein Blick in die Region FrankfurtRheinMain zeigt die Potenziale für Unternehmen, Investoren und Gesellschaft.

Seit dem BioRegiowettbewerb 1995 ist Deutschland mit Clustern durchzogen. Sehr bekannt sind München-Martinsried, Berlin-Brandenburg und das Rhein-Neckar-Dreieck um Heidelberg. Diese Regionen haben mit vielen Unternehmensgründungen auf sich aufmerksam gemacht. Daran gemessen haben selbst Fachleute das Bundesland Hessen mit dem Raum Marburg-Gießen und dem Dreieck Darmstadt-Hanau-Wiesbaden mit Frankfurt im Zentrum selten auf ihrem Radar. Die Wahrheit ist: Hessen ist ein führender Standort der produzierenden Biotechnologie, geprägt auch durch große Unternehmen.

Mit 255000 Litern Kapazität allein für die pharmazeutische Produktion gibt es mit Frankfurt, Marburg und Hanau in Europa kaum eine andere Region, in der mit Fermentern gleichzeitig mehr biotechnische Produktion auf einmal stattfinden kann. In diesen Bioreaktoren werden mithilfe von Mikroorganismen biotechnische Pharmawirkstoffe, Inhaltsstoffe für Lebens- und Futtermittel sowie Enzyme für die Papier-, Leder- und Bekleidungsindustrie hergestellt.

Deutlich wird Hessens Position anhand der Zahlen, die das hessische Wirtschaftsministerium 2009 bekannt gab: So stieg die Beschäftigung seit 2002 um 2 500 Personen auf 19 500. Damit verbunden war nahezu eine Verdoppelung des Umsatzes von 2,8 auf 5,2 Milliarden Euro: Das jährliche Wachstum von über neun Prozent zeigt im Vergleich zum Wachstum des Pharmamarktes mit sechs Prozent die überdurchschnittlichen Chancen der Biotechnologie. Dabei schrumpfte im gleichen Siebenjahreszeitraum die Zahl der Unternehmen von 253 auf 225: Diese Konsolidierung ist nichts Außergewöhnliches, sondern unterstreicht den Reifeprozess einer erst 30 Jahre jungen Industrie.

Etwa 40 Prozent der hessischen Biotech-Unternehmen sind Kleinbetriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern. Ein Bild, das sich mit der Situation Deutschlands und Europas deckt. Hessens Stärken liegen in der Mischung: 14 Prozent der in der Biotechnologie engagierten Unternehmen sind Großunternehmen, und die Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern erwirtschaften 95 Prozent des Umsatzes. Die Vernetzung der Industrie ist ein Werttreiber an sich, und Frankfurt als Verkehrsknotenpunkt trägt viel dazu bei. Vor allem junge Unternehmen brauchen den Kontakt zu etablierten Betrieben, um effiziente Geschäftsprozesse in der Entwicklung, Produktion und Vermarktung aufzusetzen.

Mag die Zeit der Nobelpreisträger Paul Ehrlich und Emil von Behring ein Jahrhundert zurückliegen und Deutschland als Apotheke der Welt nicht mehr wiederzubringen sein, so sind doch viele Pharma-Unternehmen von Weltrang für Kooperationen in greifbarer Nähe: Sanofi-Aventis, Merck-Serono, Roche und Boehringer Ingelheim.
Zusätzlich gewinnt der Pharma-Mittelstand an Präsenz. So bietet das Frankfurter Innovationszentrum (FIZ) auf 15 000 Quadratmetern einer Mischung aus Biotech- und Pharma-Unternehmen sowie Dienstleistern aus der klinischen Forschung, Analytik und Informationstechnologie Platz.

Darunter ist auch das Frankfurter Urgestein Merz Pharma, das mit Memantine ein führendes Medikament zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit anbietet. In der Zukunft soll sich die Nähe zur Forschung am Campus Riedberg weiter auszahlen. Dies tut es für Frankfurt schon heute: 300 hoch qualifizierte Arbeitsplätze am Innovationszentrum bilden die Grundlage für weiteres Wachstum, wo sich andernorts Leerstände zeigen. Kooperationen sind das A und O der Biotechnologie, insbesondere in der Entwicklung neuer Medikamente: Zehn Jahre kann es bis zur Markteinführung dauern und mehrere hundert Millionen Euro kosten.

Noch dominieren weltweit unter den bestverkauften Medikamenten die chemisch hergestellten Pharma-Wirkstoffe. Schon 2014 wird sich das Bild gewendet haben. Die Top-3-Medikamente werden nach Reuters aus biotechnischer Produktion stammen. Darunter werden sich mit Avastin gegen Krebs und Humira gegen Arthritis zwei Antikörper befinden. Diese Gruppe biologischer Moleküle war 2009 weltweit bereits für 25 Milliarden Euro Umsatz verantwortlich. Eine gute Ausgangslage für Biotech-Unternehmen und ihre Investoren; zumal Big Pharma zum Teil keinen Nachschub hat. Schätzungen sprechen von Umsatzeinbrüchen von bis zu 100 Milliarden Euro Umsatz, weil Patente auslaufen.

Ins Blickfeld rückt zusehends die industrielle, auch weiße Biotechnologie: Während sich 80 Prozent der Unternehmen der medizinischen, der roten Biotechnologie, widmen, sind es hier erst zehn Prozent. Weiße Biotech-Unternehmen nutzen Mikroorganismen und Enzyme, um chemische Stoffe effizienter herzustellen, Produktionsverfahren nachhaltiger zu gestalten und bessere Produkte zu entwickeln. Die Herstellung von Aminosäuren für Futtermittel, Enzymen für Waschmittel und Wirkstoffen für Kosmetika sind Beispiele hierfür, aber auch das Erschließen nachwachsender Rohstoffe für die chemische Industrie und als Biokraftstoffe.

Insbesondere die Region FrankfurtRheinMain als traditioneller Chemie- und Pharma-Standort ist gut positioniert, und so war der Gewinn beim Clusterwettbewerb Industrielle Biotechnologie des Bundes 2007 die Folge. Auf Basis von fünf Millionen Euro Fördergeld kamen bisher über 40 Millionen Euro für Forschungsprojekte zur biotechnischen Herstellung von Fein- und Spezialchemikalien zusammen. Ein weiterer Impuls geht zusätzlich von der Landesoffensive zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz (Loewe) aus: Bis 2018 werden der Philipps-Universität Marburg, dem Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie und der Max-Planck-Gesellschaft 42 Millionen Euro zur Verfügung stehen, um ein Zentrum für synthetische Mikrobiologie aufzubauen, 100 Stellen für Wissenschaftler inbegriffen.

Wenn es in der Biotechnologie in Deutschland zwickt, dann bei der Finanzierung und bei Unternehmensgründungen: Investitionen mit Venture Capital fielen 2009 laut Ernst & Young mit 123 Millionen Euro auf das Niveau von 1997. Das ist eine Steilvorlage für die Region FrankfurtRheinMain: Der Finanzplatz könnte ein Garant für Investitionen in die Biotechnologie werden. Die Investorenkonferenz Weiße Biotechnologie geht vorbildlich in diese Richtung. Auch vermehrten Hochschulausgründungen steht angesichts der vorhandenen Forschungsexzellenz und des Frankfurter Gewächses Science4Life, dem europaweit führenden Buinessplan-Wettbewerb in den Lebenswissenschaften, nichts im Wege.

30 Jahre ist kein Alter für eine neue Industrie. Wer vom Wachstumspotenzial der Biotechnologie noch immer nicht überzeugt ist, folgt der Autoindustrie: Die Geburtsstunde des Automobils war 1886 Carl Benz’ dreirädriger Motorwagen. 30 Jahre später, 1916, war Henry Fords Fließbandproduktion des Modells T zwei Jahre alt. Mit den heutigen Modellen in den Autogaragen verglichen, bleibt die Feststellung: Zurück zu den Potenzialen einer erst 30-jährigen Biotechnologie-Industrie.

     
Autor

Dr. Holger Bengs
Inhaber
Biotech Consulting
Frankfurt am Main
hb@holgerbengs.de 


Links zum Thema

Mit wöchentlichem biotechnologie.tv vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): www.biotechnologie.de Vereinigung Deutscher Biotechnologie-Unternehmen der Dechema: www.v-b-u.org Deutsche Industrievereinigung Biotechnologie (DIB) des Verbands der Chemischen Industrie (VCI): www.dib.org Biotechnologie-Industrie Deutschland:www.biodeutschland.org Verband für Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland: www.vbio.de 

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