Energieeinkauf - Auf Augenhöhe verhandeln

 

Langfristige Trends wie die steigende Weltbevölkerung, Ressourcenverknappung und die Klimaveränderung werden überlagert durch die Liberalisierung und Regulierung des Energiemarkts in Europa und die jüngste Energiewende. Jede dieser Einflussgrößen für sich allein führt schon zu erheblichen Verwerfungen. Alle genannten Faktoren zusammen haben die Energieversorgung in den vergangenen Jahren stärker verändert als in den fünf vergangenen Jahrzehnten. In diesem Umfeld muss jedes Unternehmen die richtigen, sprich zukunftsweisenden Entscheidungen treffen: Unternehmen stehen täglich vor der Entscheidung, ihre Energieverträge für die zukünftigen Kalenderjahre neu und möglichst kostengünstig abzuschließen.

 

Bis vor einigen Jahren konnte der Energieeinkäufer nicht viel tun. Ihm waren die Hände gebunden: Es gab Monopole und Demarkationen; ein Lieferantenwechsel war unmöglich. Seit Beginn der Liberalisierung wirbt eine steigende Zahl von Energieversorgern in einem schrumpfenden Absatzmarkt um Mengen und Kunden. Gleichzeitig befinden sie sich selbst in einem zunehmend unübersichtlichen Umfeld. Zudem sind Strom- und Gasverträge sehr viel komplexer geworden. Stärker als zuvor verfolgen Energieversorger ihre ureigensten Interessen.

 

Dies führt dazu, dass der Wettbewerber mit vergleichbarer Verbrauchsstruktur ein paar Kilometer weiter unter Umständen viel günstigere oder höhere Preise zahlt, weil seine Stadtwerke beispielsweise zu einem anderen Zeitpunkt bei einem anderen Versorger eingekauft haben. Tatsächlich schwanken die Preise auf den Gasmärkten mittlerweile ähnlich wie auf den Ölmärkten. Hinzu kommt, dass manche Stadtwerke noch in die Gruppendisziplin ihrer alten Lieferkette eingebunden sind und nicht am freien Markt günstiger kaufen.

 

Während es in Privathaushalten oft ein Feierabendsport ist, den Energieanbieter zu wechseln, bleiben in zu vielen Unternehmen erhebliche Einsparpotenziale noch ungenutzt. Tatsächlich ist der Lieferantenwechsel nur eine Stellschraube von vielen. Wenn es dem Unternehmen aber nicht gelingt, einen vergleichsweise günstigen Vertrag abzuschließen, verteuert sich seine Produktion im Vergleich zur Konkurrenz. Gerade wenn die Energieverbräuche nicht im Größtkundenbereich liegen, können die Energiepreise zum Problem werden – unter anderem, weil sich eine eigene Abteilung für den Energieeinkauf nicht lohnt, das Unternehmen gerade deswegen aber auch nicht in ausreichendem Maße vom Wettbewerb profitieren kann.

 

Das ideale Energieeinkaufsteam eines Unternehmens besteht daher aus einem operativen Einkäufer (guter Verhandler), einem Mitarbeiter für die Energiemarktbeobachtung und die Prognosenerstellung (idealerweise Mathematiker) sowie einem Ingenieur, der zusammen mit einem Juristen kontinuierlich die Gesetzesänderungen verfolgt, sowie einem Steuerberater, der die energiesteuerlichen Gestaltungsspielräume nutzt. Ein solch interdisziplinäres Team erlaubt es ansatzweise, alle erforderlichen Maßnahmen zu erkennen und umzusetzen und auf Augenhöhe mit den Energieversorgern zu verhandeln.

Nach aktuellen Umfragen nutzen viele stromintensive Mittelständler die Möglichkeit zur Reduzierung ihrer EEG-Umlage nicht. Die Antragsfrist ist am 30. Juni abgelaufen; dies ist nur ein Beispiel von vielen. Oft stehen die Summen, die Jahr für Jahr durch Kosteneinsparungen im Energieeinkauf hätten erreicht werden können, nicht mehr für Energieeffizienzmaßnahmen zur Verfügung. Ein Teufelskreis beginnt, das Unternehmen ist dadurch doppelt betroffen – einerseits von hohen Energiepreisen, andererseits von hohem Energieverbrauch.

 

Für kaum ein Unternehmen ist die Verlagerung seiner Produktion ins Ausland allein wegen der Energiekosten eine Alternative, es gilt also, die Einsparpotenziale zu nutzen. Erfahrungsgemäß gibt es Jahr für Jahr ein bedeutendes Einsparpotenzial. Sämtliche den Energiepreis bestimmende Faktoren zusammengerechnet, ergeben Spannbreiten von 20 Prozent bei vergleichbaren Abnahmefällen. Hiervon profitiert jedoch nur, wer alle verfügbaren Möglichkeiten ausschöpft: Einsparpotenzial bietet zunächst eine sorgfältige Prüfung der Strom- und Gasrechnungen, die zunehmend komplexer und damit fehlerträchtiger werden. Ferner lassen sich Kosteneinsparungen im laufenden Vertrag oftmals durch Umstellung auf einen besser auf die Abnahmestruktur angepassten Tarif erzielen.

 

Steht der Abschluss eines neuen Vertrags an, ist die Wahl des geeigneten Einkaufszeitpunkts oftmals entscheidender als die Wahl des Anbieters oder der Vertragsvariante. Häufig ist dies nicht der Zeitpunkt kurz vor Auslaufen des Gas- oder Stromvertrags, sondern vielleicht ein oder zwei Jahre vorher. Ein unabhängiger Energiedienstleister beobachtet permanent die Energiepreisentwicklung und hilft dabei, während eines Preistals beim geeigneten Anbieter das richtige Produkt und die Vertragslaufzeit zu wählen, die den individuellen Erfordernissen des Unternehmens am besten entspricht.

Interessant ist auch die Vermeidung von Leistungsspitzen und die Mitwirkung beim zukünftig an Bedeutung gewinnenden sogenannten Demand-Side-Management der Versorger. Dies bedeutet, dass dasjenige Unternehmen günstigere Preise erhält, welches seinen Verbrauch der stärker schwankenden Erzeugungsstruktur (Wind, Sonne) anpasst. Dieser Gedanke ist nicht neu: Günstige Nachtstromtarife für Nachtspeicheröfen gab es bereits in den Siebzigerjahren in Anpassung an die kontinuierliche Erzeugungsstruktur aus Kohle und Kernenergie. Hierfür sind eine sorgfältige Prüfung der Spielräume im Unternehmen und eine kreative Gestaltung der Energielieferverträge zur optimalen Abstimmung der Energieverträge auf die Produktionsstruktur des Unternehmens unerlässlich.

 

Mit einem sogenannten Prognosebonus honorieren die Versorgungsunternehmen bereits heute zuverlässige Lastprognosen der Unternehmen, die ihnen ihrerseits die Einkaufsplanung erleichtern. So wird in den Werksferien, die schon länger feststehen, mit Sicherheit weniger verbraucht. Diese Information geht in den Energiefahrplan ein, den das Unternehmen an seinen Energielieferanten sendet. Unterbrechbare Energielieferverträge werden in Zukunft viel stärker zur Praxis gehören als bisher. Diskutiert wird zudem eine Abschaltverordnung, die den Versorgern kontrollierte Abschaltungen der Verbraucher erlaubt.

 

Für die Zukunft zeichnet sich bereits – auch im Zusammenhang mit der Energiewende – eine zunehmende Regelungsdichte sowie eine große Vielfalt von Energieanbietern und -produkten ab. Ein professioneller wie kontinuierlicher Energieeinkauf ist daher nur möglich bei täglicher Beschäftigung mit diesen Themen, sowohl unter kommerzieller als auch in juristischer und ingenieurtechnischer Hinsicht. Unternehmen, die diesen Weg gehen, erzielen in diesem Bereich Kostenvorteile und minimieren das Risiko der Energiekosten ihres Unternehmens.  

 

Checkliste zur Kostensenkung im Energieeinkauf

 

Maßnahmen bei jährlichen Energiekosten bis 500 000 Euro:


Rechnungsprüfung (unter anderem § 19 Stromnetzentgeltverordnung, gültig seit 1. Januar)

kontinuierliche Verfolgung der Strom- und Gasgroßhandelspreise


regelmäßige Verfolgung der Energiegesetz- und Steueränderungen (jüngste Auswirkung auf Unternehmen mit einer Gigawattstunde Stromverbrauch im Jahr)

Ausnutzung günstiger Einkaufszeitpunkte (Preistäler)


Festlegung optimaler Vertragsparameter (unter anderem lange Laufzeiten in Preistälern)
 

Ergänzende Maßnahmen bei jährlichen Energiekosten zwischen einer halben Million und fünf Millionen Euro:


Erstellen von Abnahmeprognosen

Ausschreibungen / Bildung von Einkaufsgemeinschaften
 

Weitere Maßnahmen bei jährlichen Energiekosten
ab fünf -Millionen Euro:


Absicherungsgeschäfte (unter anderem zur Energiepreissicherung)

selbstständige Bilanzkreisführung (Unternehmen oder Dienstleister)

Energiehandel (Börse / Over-The-Counter-Märkte / OTC)

 

Autor

 

Dr. Frank Freitag

Senior Manager, Freitag Energie,

Kelkheim

service@freitag-energie.de

 

IHK WirtschaftsForum

Juli 2012

 

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