Management - Energiekosten gestalten

 

Während vor der Marktöffnung innerhalb einer Branche ungefähr vergleichbare Energiekosten vorherrschten, liegen in der industriellen Praxis zwischen dem Best Case und dem Worst Case seit einiger Zeit Spannen, die größer als 50 Prozent sein können. Dies bedeutet für Unternehmen mit einem spürbaren Energiekostenanteil ein erhebliches Kosten- und Planungsrisiko. Zudem erfordert es geänderte und marktadäquate Ansätze beim Energieeinkauf sowie den sonstigen Prozessen zur Energiekostensteuerung. Doch aus den Risiken entstehen auch Chancen: Schließlich war die Beeinflussbarkeit der Energiekosten durch das jeweilige Beschaffungs- und Optimierungsvorgehen nie höher als heute.

 

Aus Sicht der Unternehmen sind hierbei nicht allein die reinen Strom- oder Gasbezugskosten (Rohstoffkosten) relevant, sondern die Total Energy Cost (TEC), das heißt die effektiven Vollkosten für den Energiebezug an einem Standort. Diese ergeben sich im Wesentlichen aus vier Kostentreibern, nämlich den Handelspreisen für physische Großhandelsprodukte zum Beschaffungszeitpunkt (Over-the-counter-Märkte (OTC) für Strom und Gas), den Einzelhandelsmargen und Aufschlägen des Versorgers (bei Einkauf auf Einzelhandelsebene), den spezifischen Kosten für die Netznutzung sowie den spezifischen Kosten aus Steuern, Abgaben und Umlagen.

 

In jedem dieser Kostenfelder trifft der Verbraucher auf das Kerngeschäft einer inzwischen hochprofessionellen Anbieterseite mit – naturgemäß und legitim – gegenläufigen Interessen. Gleichzeitig unterliegt jedes Element zum einen einer spezifischen und hohen fachlichen Komplexität, denn die Optimierung von Netzkosten auf Basis regulatorischer Veränderungen hat beispielsweise keine inhaltliche Verbindung zur Frage der Marktpreisentwicklung. Zum anderen ist jedes Element zusätzlich einer enormen Veränderungsdynamik unterworfen, ausgelöst durch Marktentwicklungen, regulatorische Maßnahmen, Gesetze, Verordnungen und Urteile auf EU- und nationaler Ebene. Hinzu kommt im Energiebereich noch das zusätzliche und sich zügig entwickelnde Fachgebiet der technischen Energieeffizienz.

 

Dabei ist ein Ende der Entwicklung nicht abzusehen: Dynamik und Komplexität nehmen weiter zu – unter anderem durch den Ausbau des Emissionshandels 2013 oder die beschleunigte Energiewende. Dies führt in der Praxis zu paradoxen Effekten: Beispielsweise bewirkt nicht jede Energieeinsparung eine Senkung der TEC, sondern Unternehmen werden von einer erheblichen Steigerung überrascht. Die Konsequenz: Viele Unternehmen wandeln sich vom passiven Energiekostenzahler zum aktiven Energiekostengestalter. Sie realisieren eine fortlaufende kaufmännische Energiekostenplanung und -steuerung (TEC-Management). Diese fasst sämtliche energiefachlichen Prozesse in einem einheitlichen und fortlaufenden Ansatz zusammen und erweitert das unternehmensinterne Controlling und Reporting um wenige konsolidierte TEC-Kennzahlen (je Standort, Unternehmen, Ist-Zustand und Prognose für die nächsten drei Jahre). Auch ein möglicherweise bestehendes oder einzuführendes verbrauchsseitiges Energiemanagementsystem (beispielsweise nach Norm DIN EN ISO 50001) wird in diesen Gesamtansatz integriert. Dabei wird jede Maßnahme auf ihre Auswirkungen auf die TEC geprüft.

 

In der Praxis besteht ein erfolgreiches TEC-Management aus der richtigen Umsetzung mehrerer Aufgabenbereiche. Diese zielt darauf, die standort- und unternehmensspezifischen Gegebenheiten fortlaufend gegen die Entwicklung des Markts und des Umfelds zu spiegeln, um die sich daraus ergebenden Potenziale zu realisieren und Risiken zu vermeiden. Eine Teilaufgabe ist das Risiko- und Einkaufsmanagement: Bei Marktpreisschwankungen für jedes Lieferjahr von mehr als 50 Prozent ist der professionelle Umgang mit der volatilen Terminkurve der Strom-, Gas- und CO2-Märkte, mit den weiteren Umfeldrisiken sowie Einkaufszeitpunkten eine Basisaufgabe. Schließlich gelten hier mindestens die gleichen Anforderungen wie bei einem professionellen Risikomanagement im Öl-, Metall- oder Währungsbereich. Auch folgt aus den gesetzlichen Rahmenbedingungen für viele Unternehmen eine Verpflichtung zum professionellen Risikomanagement.

 

Aus den Marktgesetzen folgt weiterhin: Die erfolgreiche Beschaffung muss auf Augenhöhe mit der Anbieterseite sowie idealerweise direkt anbieterunabhängig im physischen OTC-Großhandel erfolgen. Dies eliminiert nicht nur die Einzelhandelsmargen klassischer Vollversorgungsverträge mit oder ohne Börsenkopplung, sondern reduziert auch Abhängigkeiten und Risiken. Zusätzlich kann marktlogisch nie der gleiche Anbieter zu jedem Zeitpunkt die günstigste Quotierung stellen – somit reduziert allein die Nutzung der Marktbreite bei jedem Einzelgeschäft zwingend die Kosten.

 

Auch das Management der Energienebenkosten ist insbesondere in Deutschland mit den im internationalen Vergleich hohen Netzkosten sowie zahlreichen Energieabgaben ein immer wichtigerer Erfolgsfaktor. Dabei ist vielen Unternehmen noch nicht bewusst, dass sich aufgrund der komplexen und dynamischen regulatorischen Entwicklung Netzkosten häufig gestalten lassen. Gleiches gilt für die sich fortlaufend ändernden Rahmenbedingungen bei den Energieabgaben. Während im Energieeffizienzbereich ein jährliches technisches Standort-Audit inzwischen zum industriellen Standard gehört, werden die Vorteile durch ein wiederkehrendes energiefachliches Audit der kaufmännischen Kostenseite noch nicht flächendeckend realisiert. Dabei liefert die periodische Entwicklung und Überprüfung der Netzkosten- sowie der Energieabgabenstrategie ähnlich bedeutsame Ergebnisverbesserungen wie eine optimierte Risiko- und Beschaffungsstrategie.

 

In der Praxis realisieren nur sehr große Energieverbraucher mit mehreren Terawattstunden pro Jahr das TEC-Management vollständig intern durch den Aufbau eigener Abteilungen mit typischerweise zehn bis 40 Mitarbeitern. Für Unternehmen unterhalb dieser Kategorie stellen spezialisierte Dienstleister sämtliche Infrastrukturen und Prozesse zur Verfügung. Wichtig hierbei: Wegen des grundsätzlichen Interessengegensatzes darf der gewählte Dienstleister – weder direkt noch indirekt über Konzernverbindungen – eigene Energiehandels-, Energievertriebs- oder Netzvertriebsinteressen haben. Auch sollten aufgrund der damit verbundenen Nachteile jegliche Zwischenhandelslösungen ausgeschlossen beziehungsweise der Auftraggeber immer direkter Eigentümer aller beschafften Energiepositionen sein. Ebenfalls sind TEC-orientierte umfassende Lösungen Teillösungen vorzuziehen.

 

Durch die Liberalisierung sind die totalen Energiekosten für energieintensivere Unternehmen ein wichtiger Wettbewerbsfaktor geworden.

Die Gestaltungsspielräume sind sehr hoch. Passivität sowie fehlende fortlaufende und integrierte Ansätze führen über kurz oder lang zu erheblichen Mehrkosten. Dieser Fakt wird sich durch die anstehende beschleunigte Energiewende in den nächsten Jahren noch weiter erhöhen – schließlich steigen hierdurch sowohl die Energienebenkosten als auch die Komplexität des Energieversorgungssystems weiter an.    

 

 

 

Autor

 

Björn Vortisch

Geschäftsführer, Enexion, Kronberg

bjoern.vortisch@enexion.de

 

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Juli 2012

 

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