Recycling - Deponien als Rohstoffquellen

 

Die Herstellung von Fotovoltaikmodulen oder Leuchtdioden benötigt Gallium, synthetische Treibstoffe brauchen Kobalt, Brennstoffzellen erfordern die Verwendung von Platin. Ein wahrer Rohstofffresser ist die IT- Industrie: Sie benötigt 15 Prozent der Kobalt-Jahresproduktion und 13 Prozent des weltweit geförderten Palladiums. Der Großteil der Rohstoffe wird in lediglich vier Ländern abgebaut: China, Russland, Brasilien und Kongo. Dass China den Export Seltener Erden seit 2010 massiv drosselt, führt zu einer weiteren angespannten Lage auf dem Weltmarkt. Immerhin werden
97 Prozent der Erden in China abgebaut. Bei 14 Rohstoffen stellt die EU-Kommission eine drohende Knappheit fest.

 

Ob ein Rohstoff wirklich knapp ist, entscheidet sich nicht ausschließlich nach seinem natürlichen Vorkommen. Trotz hoher Reserven wird ein Rohstoff potenziell knapp, wenn plötzlich die Nachfrage oder der Preis steigt, Abbauschwierigkeiten auftreten oder aber Kriege und Naturkatastrophen politische Veränderungen hervorrufen. Die Probleme der Rohstoffverfügbarkeit erfordern eine Neuorientierung in der Rohstoffpolitik. Für die Industrie wächst die Bedeutung der Sekundärrohstoffgewinnung.

 

Für eine sichere Rohstoffversorgung der Industrie bedarf es neuer Rohstoffstrategien. Zentrale Herausforderungen in Zeiten knapper Rohstoffverfügbarkeit sind zum einen die Steigerung der Ressourceneffizienz sowie zum anderen die Substitution und Rückgewinnung von Rohstoffen. Um die Rückgewinnung wertvoller Rohstoffe auch aus Siedlungsabfällen zu steigern, benennt das EU-Parlament in seiner Rohstoffstrategie wichtige Herausforderungen für die Akteure der Abfallwirtschaft. Die Europäische Kommission hat die Strategie im September 2011 vorgelegt. Sie dient vorrangig der Sicherung einer fairen und dauerhaften Versorgung der Wirtschaft mit Rohstoffen vom Weltmarkt, der Schaffung einer nachhaltigen Versorgung innerhalb der EU sowie der Förderung einer gesteigerten Ressourceneffizienz und des Recyclings.

 

Dass Recyceln zum Herzstück der Rohstoffgewinnung gehört, wird an Zahlen deutlich: Eine Tonne Computerleitplatten enthält circa 250 Gramm Gold. Hingegen lassen sich aus einer Tonne Erzgestein einer Goldmine nur fünf Gramm Gold fördern. Zwölf Prozent des deutschen Rohstoffbedarfs werden bereits durch Recycling gedeckt. Das Elektroschrott-Recycling birgt das größte Potenzial. Es bringt nicht nur wertvolle Materialien zurück, es fördert auch die Unabhängigkeit vom Weltmarkt. Insbesondere das Recyceln von Elektroaltgeräten ist noch Handarbeit. Bei der mechanischen Vorsortierung würden bis zu 75 Prozent der enthaltenen wichtigen Edelmetalle verloren gehen.

 

Die 2 500 deutschen Deponien haben zusammen in etwa die Fläche der Stadt Berlin. Heute werden nur noch ein Prozent aller Abfälle in Deutschland deponiert, in der EU 27 sind es 42 Prozent (Stand 2011); darunter fällt vorrangig Bauschutt. Das Potenzial an Sekundärrohstoffen in Altdeponien ist enorm. Da früher noch jede Abfallstoffgruppe auf Deponien landete, schätzen hessische Forscher beispielsweise in der Mülldeponie im hessischen Reiskirchen das Rohstoffpotenzial auf 60 000 Tonnen Eisen-Metalle und 40 000 Tonnen Nicht-Eisenmetalle. Auch Rohstoffe nicht metallischen Ursprungs schlummern in Hausmülldeponien. Bis in die Neunzigerjahre wurde phosphorhaltiger Klärschlamm deponiert. Die heute in Hausmülldeponien lagernde Menge an Phosphor entspricht in etwa der in drei Jahren auf deutsche Felder aufgebrachten Menge an mineralischem (phosphorhaltigem) Dünger.

 

Die Nutzung von Deponien als Rohstoffquelle – der Deponierückbau – ist in vielen Fällen nutzeneffizienter als deren umweltgerechte Abdichtung und Nachsorge. Er ist heute technisch ausgereift. Die derzeit noch höheren Kosten des Rückbaus gegenüber Maßnahmen zur Stilllegung und Nachsorge amortisieren sich in Zeiten knapper Rohstoffe immer schneller.

 

Alte Deponiestandorte bergen darüber hinaus ein weiteres Potenzial: Sie gelten als Energieberg. Die geschlossene Hausmülldeponie Hamburg-Georgswerder liefert bereits Strom für bis zu 4 000 Haushalte (12 400 000 Kilowattstunden / Jahr). Der auf der 40 Meter hohen Müllhalde errichtete Energiepark liefert Strom aus Wind, Sonne, Biomasse, Geothermie sowie Deponiegas.

Bei einem erneuten Preisanstieg verschiedener Rohstoffe oder bei weiteren Handelsbeschränkungen seltener Rohwerkstoffe, wird das Graben im Müll immer interessanter. Ein konsequenteres und effizienteres Recycling sowie die Möglichkeiten der Rückgewinnung aus Deponieabfällen sind zwei entscheidende Wege, Sekundärrohstoffe zu gewinnen.      

 

 

Urban mining

 

Der Begriff Urban Mining ist ein von der Recyclingbranche geprägter Begriff. Er umschreibt die Annahme, dass der vom Menschen verursachte Abfall eine große Mine ist. Aus dem Abfallaufkommen können durch Recycling wertvolle Rohstoffe gewonnen werden. Derzeit werden Altpapier und Glas bereits zu
80 Prozent, Aluminium zu 70 Prozent und Kunststoff zu 60 Prozent recycelt.

 

Landfill mining

 

Der Begriff meint die Methode der Sekundärrohstoffgewinnung durch Deponierückbau. In Deutschland sind etwa 960 Millionen Tonnen Hausmüll deponiert.

 

Liste der kritischen Rohstoffe

 

Die EU-Kommission hat bei 14 Rohstoffen eine drohende Knappheit festgestellt – und zwar bei Antimon, Beryllium, Cobalt, Flussspat (Fluorit), Gallium, Germanium, Graphite, Indium, Magnesium, Niobium, Metalle der Platingruppe (unter anderem Palladium oder Rhodium), Metalle der Seltenen Erden (unter anderem Scandium oder Cer), Tantal und Wolfram.

 

 

 

Autorin

 

Luise Riedel

IHK Frankfurt, Innovation und Umwelt

l.riedel@frankfurt-main.ihk.de

 

IHK WirtschaftsForum

Juli 2012

 

 

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