Sekundärrohstoffe - Die drei Leben eines Handys

 

Der Bedarf an mineralischen und metallischen Rohstoffen ist im Laufe der Industrialisierung massiv gestiegen. Zudem hat die Anzahl der technisch genutzten chemischen Elemente enorm zugenommen. In der Frühzeit der Industriegesellschaft konnte die Produktion im Wesentlichen mit Eisen, Kupfer, Nickel und Zink bestritten werden. Die moderne Industriegesellschaft hingegen benötigt heute rund 90 Elemente und damit über 80 Prozent der Elemente des Periodensystems.

 

Seltene Erden wie Neodym oder Scandium waren bislang bestenfalls Fachleuten ein Begriff, mittlerweile wird darüber in der Tagesschau berichtet. Moderne Kommunikationstechnik, Elektromobilität, Windkraft wie -Fotovoltaik sind ohne diese Elemente nicht mehr denkbar. Während bei den klassischen Metallen weltweit bereits Recyclingraten über 50 Prozent erzielt werden, liegen diese bei den Seltenen Erden noch weitgehend unter einem Prozent.

 

Zwar müssen für einige dieser „neuen“ Elemente noch leistungsfähige Recyclingverfahren entwickelt werden. Das eigentliche Problem ist jedoch, an die zu recyclenden Stoffe überhaupt heranzukommen. Denn alltägliche Gebrauchsgüter wie Fahrzeuge, Computer, Handys haben in der globalisierten Welt in der Regel drei Leben: Zunächst werden sie beispielsweise für Deutschland produziert und dort genutzt. Danach sind sie vielfach in Osteuropa und zuletzt in Asien oder Afrika im Einsatz, wo sich die Spur schließlich verliert. Es sind daher dringend Sammel- und Demontage-Infrastrukturen in den Endverbleibsländern aufzubauen, um die begehrten Materialien wieder in die industriellen Kreisläufe zurückzuführen.

 

Hochwertiges Recycling fängt jedoch bereits bei der Produktgestaltung an. Produkte werden derzeit vor allem so konzipiert, dass sie funktional, sicher und kostengünstig sind. Zukünftig muss es genauso selbstverständlich sein, dass diese auch demontage- und somit recyclinggerecht sind. Lösbare Verbindungen, gekennzeichnete Werkstoffe, kreislauffähige Materialkombinationen werden dann ebenso im Pflichtenheft des Konstrukteurs stehen.

 

Damit einhergehend können auch Nutzungskonzepte wie das Leasing eine neue Bedeutung erfahren. Nutzen statt kaufen ist bislang das Prinzip, um sich den Einsatz teurer Landmaschinen oder Kopierer leisten zu können. Womöglich wollen auch Automobilhersteller zukünftig ihre Fahrzeuge nur noch verleihen statt verkaufen, um sich als Eigentümer dauerhaft auch die knappen Rohstoffe zu sichern. Was heute noch wie eine ferne Vision erscheint, kann bei zunehmender Rohstoffknappheit schon bald Realität werden. Recyclinggerechte Konstruktionen wären auch im Interesse des Herstellers und der Recyclingzentren technologisch ebenso ambitioniert wie die Produktion. Bereits heute bieten erste Hersteller von Elektromobilen die wertvollen Lithium-Ionen-Batterien nur im Leasing an. Bei Elektronikprodukten könnten Pfandsysteme eine ähnliche rohstoffsichernde Funktion erfüllen.

 

Deutschland als rohstoffarmes Land ist schon seit Jahrzehnten ein Pionier bei der Entwicklung und Implementierung von Recyclingtechnologien und hat beispielsweise bei der Behandlung kommunaler Abfälle die höchste Recyclingquote in Europa. Langfristiges Ziel muss es sein, sämtliche aus der Nutzung ausscheidenden Produkte dem Recycling zuzuführen. Die Vision heißt 100 Prozent Recycling, wenngleich diese nie vollständig verwirklicht werden kann. Denn durch Miniaturisierung, Verschleiß und Korrosion werden immer auch Wertstoffe verloren gehen. Vor dem Recycling gilt es ohnehin, zunächst die Ressourceneffizienz zu steigern. Werden Erzeugnisse und Dienstleistungen mit deutlich weniger Materialeinsatz und Umweltbelastung realisiert, ist auch eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Rohstoffverbrauch durchaus möglich. Langlebige Produkte, die sich durch reparaturfreundliche und innovationsoffene Modulbauweise sowie zeitloses Design auszeichnen, können dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

 

Prinzipiell ließe sich der Rohstoffbedarf in gesättigten Märkten zu einem Großteil mit Sekundärrohstoffen decken. Der steigende materielle Wohlstand, insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern, bringt es mit sich, dass noch auf lange Zeit weiterhin Primärrohstoffe abgebaut und genutzt werden. Die bisherige Debatte hat sich oftmals lediglich auf die Verfügbarkeit dieser Rohstoffe fokussiert und weit weniger auf die Umwelt- und Sozialverträglichkeit der Gewinnung und Aufbereitung von Primärrohstoffen. Hier gilt es, mit belastbaren Zertifizierungssystemen weltweit für hohe soziale und ökologische Standards in der Rohstoffwirtschaft zu sorgen.

 

Eine Rohstoffwende ist also ebenso notwendig wie der eingeleitete Paradigmenwechsel in der Energieerzeugung. Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft sind essenzielle Bausteine für eine nachhaltige Industriegesellschaft. Die in Deutschland entwickelten und eingesetzten Technologien leisten einen wesentlichen Beitrag, die Abhängigkeit von Rohstoffimporten zu verringern und zugleich die führende Position einer exportorientierten Wirtschaft im Weltmarkt der Umwelttechnologien auszubauen.    

 

 

Autor

 

Prof. Martin Faulstich

Inhaber, Lehrstuhl
für Rohstoff- und Energietechnologie,

Technische  Universität München

faulstich@tum.de

 

IHK Wirtschaftsforum

Juli 2012

 

 

 

 

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