Ägypten – Gratwanderung in die Marktwirtschaft
Breite Palette an Wachstumsbranchen, in denen deutsche Technologien gefragt sind

Ein neues Ägypten – „Open for Business“ – lautete das Wahlversprechen des seit 2004 amtierenden Premierministers Ahmed Nazif. Auf dem Weg dahin ist er ein gutes Stück vorangekommen. Nach wie vor aber kämpft das Land am Nil mit Strukturproblemen. Die Wirtschaft wächst kräftig, nach jüngsten Prognosen des Internationalen Währungsfonds alleine in diesem Jahr um 6,7 Prozent. Auch die Privatisierung von Staatsbetrieben ist erfolgreich gestartet, zudem öffnet sich das Land für Investoren.

Gleichzeitig aber behindern die Strukturprobleme die Entwicklung, allen voran die Arbeitslosigkeit, die mehr als das Doppelte der offiziell angegebenen 10,5 Prozent betragen dürfte. Hinzu kommt, dass eine kaufkräftige Mittelschicht nur langsam entsteht. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt noch immer in bitterer Armut und verfügt nach Angaben der Weltbank über weniger als zwei US-Dollar pro Person und Tag. Das Bildungsniveau ist mit mehr als 40 Prozent Analphabeten niedrig. Trotz der hohen Arbeitslosigkeit fehlen der Wirtschaft qualifizierte Arbeitskräfte. Außerhalb der Landwirtschaft ist der Staat nach wie vor der größte Arbeitgeber.

Investoren gefragt

Vor diesem Hintergrund birgt der Weg in die Marktwirtschaft politischen und sozialen Sprengstoff. Ineffiziente staatliche Verwaltungen und Betriebe sind ohne Entlassungen kaum zu modernisieren. Der Bürokratieabbau in einem Land, in dem die staatliche Verwaltung 6,5 Millionen Menschen und damit ein Zehntel der Gesamtbevölkerung beschäftigt, ist eine Herkulesaufgabe. Gleichzeitig soll der Wohlfahrtsstaat entschlackt werden und die Preise für die Güter des täglichen Bedarfes steigen.

Premierminister Ahmed Nazif will gezielt ausländische Investoren ins Land locken. Dies gelingt auch zunehmend, obwohl internationale Geschäftsleute immer noch die Bürokratie, ein ineffizientes Justizwesen und Korruption als Hauptprobleme bezeichnen. Im Jahr 2003 engagierten sich ausländische Firmen gerade einmal mit 237 Millionen US-Dollar in Ägypten, 2004 waren es schon knapp 2,2 Milliarden und 2005 bereits 5,4 Milliarden US-Dollar. Dieser Kapitalzufluss speist sich aus europäischen, nordamerikanischen und zunehmend aus arabischen Quellen. Auch deutsche Unternehmen zieht es an den Nil, wenn auch auf vergleichsweise niedrigem Niveau. So beliefen sich die deutschen Direkt-investitionen im Jahr 2006 auf 167 Millionen US-Dollar.

Bei der Privatisierung von Staatsunternehmen kommen verstärkt ausländische Investoren zum Zuge, und Großprojekte werden immer häufiger als Public Private Partnerships ausgeschrieben, um ausländisches Know-how einzubinden. Diese Entwicklung bietet deutschen Unternehmen gute Lieferchancen. Dabei ist die Palette der ägyptischen Wachstumsbranchen, in denen deutsche Technologien gefragt sind, besonders im Vergleich zu anderen MENA-Märkten sehr groß. Sie reicht vom Erdöl- und Erdgassektor über die Wassertechnik, den Tourismus und die Petrochemie bis hin zur Umwelttechnik, der Energieversorgung, dem Gesundheitswesen und der Baubranche sowie dem Maschinenbau. Am Beispiel der Sektoren Wasser- und Energiewirtschaft wird deutlich, was ausländische Unternehmen in Ägypten erreichen können.

Kostbares Wasser

Ägypten gehört zu den regenärmsten Ländern der Welt. Die einzige Wasserquelle ist der Nil. Landwirtschaftliche Bewässerung und zunehmend auch industrieller Verbrauch konkurrieren mit privaten Haushalten um das knappe Gut. Noch ungelöst sind auch die Probleme, die das Bevölkerungswachstum um jährlich etwa eine Million Menschen in dem mit 73 Millionen Einwohnern größten Staat der arabischen Welt verursacht. Da obendrein die Wassertarife extrem niedrig sind, wird das kostbare Gut verschwendet. Die geringen Einnahmen sind zusätzlich mitverantwortlich dafür, dass die Wasserwirtschaft defizitär arbeitet.

Unter dem Strich stehen heute jährlich weniger als 1 000 Kubikmeter Wasser je Einwohner zur Verfügung, Tendenz sinkend. Bis zum Jahr 2017 wird sich die verfügbare Wassermenge auf 650 Kubikmeter reduzieren. Angesichts der sich abzeichnenden Versorgungskrise packen die politischen Reformer das Problem an, ein Aktionsplan ist in Kraft gesetzt. Dieser setzt auf privatwirtschaftliches Engagement via Public Private Partnerships und Betreibermodelle.

Das Marktvolumen der Wassertechnik und der entsprechenden Dienstleistungen wird auf etwa eine Milliarde US-Dollar jährlich geschätzt. Umweltauflagen für Hotels sowie die Planungen für neue Wohnviertel in Kairo und 15 neue Städte, die auf Wüstengrund errichtet werden, bieten Anlass zu optimistischen Wachstumsprognosen für diesen Sektor. Beste Chancen haben Exporteure von technisch hochwertigen Turbinen, Pumpen, Armaturen und Steuerungen. Die lokale Produktion konzentriert sich auf einfache Maschinen und Anlagen. Mittelständler und Beratungsbüros sollten auf nicht standardisierte Techniken setzen, zum Beispiel auf Kleinanlagen zur dezentralen Wasserversorgung.

Flüssiggas boomt

Ägypten erlebt einen Boom seiner Erdgasexporte, insbesondere im Flüssiggassektor. Zwar ist die Förderleistung mit rund 52 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2006 noch gering, doch erwartet die Regierung, dass in fünf Jahren etwa 3 400 Milliarden Kubikmeter bekannte Reserven nachgewiesen werden können. Unterdessen steigt die Förderung und mit ihr steigen die Deviseneinnahmen: Die Erdgas-Exporte bringen dem Land inzwischen fast ebenso viel ein, wie die drei großen Devisenbringer Tourismus, Suez-Kanal und Überweisungen von Gastarbeitern zusammen.

Großen Anteil am Erdgas-Exportboom haben die Verflüssigungsanlagen, die in den vergangenen Jahren an der Nordküste entstanden sind. In Idku, sechzig Kilometer östlich von Alexandria, sind zwei Verflüssigungslinien unter der Führung von British Gas in Betrieb. Etwas weiter östlich arbeitet in Daimetta eine weitere Anlage, in der die spanische Union Fenosa und die italienische Ini eine Linie führen und weitere planen.

Die deutsche RWE Dea, die bislang in der Erdölförderung aktiv ist, hat inzwischen mehrere Konzessionen zur Entwicklung von Erdgasfeldern erworben. Deutsche Unternehmen sind auch in anderen Teilbereichen des Flüssiggasgeschäfts beteiligt, so etwa Linde im Anlagenbau oder die deutsche Chemikalien Seetransport bei der Tankerausrüstung. Auch hier bieten sich weitere Geschäftschancen, denn der Investitionsbedarf in der kapitalintensiven Branche ist groß.

Im Sog des Erdgasbooms baut Ägypten derzeit auch die Petrochemie aus. Mehrere Großprojekte sind auf den Weg gebracht, etwa der Bau von zwei großen Werken zur PVC- und Methanolherstellung mit Investitionssummen von 260 respektive 590 Millionen US-Dollar. Ein Masterplan weist etwa zehn weitere Großprojekte im Wert von über zehn Milliarden US-Dollar auf. Deutschen Anlagenbauern und Ausrüstern eröffnen sich bei diesen und anderen Vorhaben interessante Investitions- und Exportperspektiven. 


Barbara Kussel
Bundesagentur für Außenwirtschaft
Köln

IHK WirtschaftsForum
Juni 2007