Aserbaidschan: Interessante Einstiegschancen

Ein Gespräch mit Florian Schröder, Geschäftsführer, DAWF Deutsch-Aserbaidschanischer Wirtschaftsförderverein, Baku

Seit 2005 wächst die aserbaidschanische Wirtschaft in atemberaubendem Tempo. Im vergangenen Jahr stieg das Bruttoinlandsprodukt um 32 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wachstumsmotor ist die Erdölförderung vor der aserbaidschanischen Küste im Kaspischen Meer. Die deutschen Exporte nach Aserbaidschan stiegen zwischen 2003 und 2006 von einem niedrigen Niveau ausgehend um rund 60 Prozent auf 485 Millionen Euro.

Herr Schröder, Aserbaidschan ist trotz deutlich steigender Exportzahlen für die deutsche Wirtschaft derzeit noch ein Nischenmarkt. Welches Potenzial für den deutsch-aserbaidschanischen Handel sehen Sie mittelfristig?

Schröder: Bereits vor der aktuellen Boomphase mit jährlichen BIP-Zuwachsraten um 30 Prozent, legte die aserbaidschanische Wirtschaft zwischen 1999 und 2005 kontinuierlich um jährlich mehr als zehn Prozent zu, dies weitgehend unbeachtet von deutschen Unternehmen. Wir haben im bilateralen Handel inzwischen die magische Milliardengrenze überschritten. Mittelfristig sehe ich die Zwei-Milliarden-Grenze als Wachstumsziel. Wie schnell dies erreicht werden kann, hängt auch von der außenwirtschaftspolitischen Flankierung ab. Der Besuch von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos im Oktober in Baku war ein wichtiger Schritt zur Vertiefung der bilateralen Handelsbeziehungen.

Die Erdölförderung ist in Aserbaidschan der Boomsektor schlechthin. Welche Rolle spielen deutsche Unternehmen im Zulieferbereich?

British Petroleum (BP) ist bei den drei Hauptprojekten – BTC Pipeline, ACG Feld und Shah Deniz – Konsortialführer. Deutschen Zulieferunternehmen ist es bislang nur in Nischen gelungen, sich gegen englische, schottische und US-amerikanische Wettbewerber durchzusetzen. Aber vorausgesetzt, sie finden die richtigen lokalen Partner, eröffnen sich interessante Einstiegschancen, da BP seine Zulieferstrukturen auf lokale Bezugsquellen umstellt und viele aserbaidschanische Unternehmen Hilfestellung bei der Umstellung auf internationale Standards benötigen.

Aserbaidschan will langfristig die derzeit noch sehr starke Abhängigkeit von den Erdölexporten verringern. Wie kommt die Modernisierung einzelner Sektoren voran?

Der Finanzsektor, der auch für die Entwicklung der anderen Wirtschaftsbereiche eine Schlüsselrolle einnimmt, ist sicher ein Vorreiter der Reformen. DEG und die Sparkassenstiftung haben sich erfolgreich an zwei Banken mit Eigenkapital beteiligt. Insofern ist eine wichtige Rahmenbedingung für die Entwicklung des Nicht-Öl-Sektors geschaffen. Jedoch bleibt weiterhin Handlungsbedarf in der Abschaffung nicht-tarifärer Handelshemmnisse und im Bürokratieabbau. Staatspräsident Ilham Aliyev hat sich die Modernisierung der Nicht-Öl-Sektoren als Ziel seiner Regierung gesetzt, und er sieht Deutschland als bevorzugten europäischen Partner in diesem Projekt. Aber auch die Konkurrenz schläft nicht. Im Rahmen eines groß angelegten Präsidentenbesuchs haben sich südkoreanische Unternehmen vor gut einem Jahr eine Vielzahl Projekte im Infrastrukturbereich gesichert und steigen in den Öl- und Energiesektor ein.

In welchen Nicht-Erdölbranchen sind die Absatzmöglichkeiten für deutsche Exporteure besonders gut?

Absatzchancen sehe ich vor allem rund um die Baubranche, von Baumaschinen bis Inneneinrichtungen sowie hochwertige Immobilienentwickler, in der Bekleidungsindustrie, bei der Obst- und Gemüseverarbeitung, in Maschinenbau und Ölzulieferindustrie sowie bei Luxusgütern von Autos bis Schmuck, Dienstleistungen, Tourismus und im Finanzsektor.

Was unterscheidet Aserbaidschan von den anderen GUS-Märkten am Kaukasus und in Zentralasien?

Aserbaidschan verfügt neben Kasachstan als einziges Land der Region gleichzeitig über zwei Kernressourcen: politische Stabilität und fossile Brennstoffe. Ferner liegt Aserbaidschan geografisch so günstig, dass es sich als Transitland für die kaspischen Energiereserven auf dem Weg nach Europa anbietet. Das Nabucco-Projekt, mit Aserbaidschan als Partner, ist der nächste Schritt in der energiepolitischen Anbindung der kaspischen Region an Europa.

Welche Voraussetzungen sollten Unternehmen mitbringen, um erfolgreiche Geschäftsbeziehungen aufzubauen?

Erfahrungen im Geschäftsgebaren in GUS-Märkten sind ebenso vorteilhaft wie russische oder türkische Sprachkenntnisse. Jeder in Istanbul oder Moskau tätige deutsche Unternehmer sollte sich Gedanken machen, ob sich für ihn eine Erweiterung seiner Aktivitäten in den Südkaukasus hinein lohnt.

Wie sind die rechtlichen Rahmenbedingungen für ein Engagement, welche Stolpersteine gibt es und worüber klagen vor Ort tätige deutsche Unternehmen?

Fast alle Länder der GUS-Region befinden sich mitten in einem Transformationsprozess zu einem rechtsstaatlichen Gemeinwesen hin. Aserbaidschan bildet da keine Ausnahme. Vielleicht ist der Reformdruck aufgrund der hohen Wachstumsraten niedriger als in anderen Ländern. Aber es sind durchaus Fortschritte, beispielsweise in der Richterausbildung oder im Verwaltungsrecht, zu verzeichnen. Die GTZ gibt hierbei mit dem Rechtsreformprojekt im Auftrag der Bundesregierung seit Jahren wichtige Hilfestellungen und hat seit der Verfassungsgründung entscheidende Beratung geliefert.

Welche Anlaufstellen gibt es für deutsche Unternehmen in Aserbaidschan?

Der DAWF (Deutsch-Aserbaidschanischer Wirtschaftsförderverein) vertritt seit 1999 die Interessen der deutsch-aserbaidschanischen Unternehmer. Auch Unternehmen, die neu auf den Markt gehen möchten, erhalten Hilfestellungen beim Aufbau ihrer Akti-
vitäten in Aserbaidschan. Weitere wichtige Anlaufstellen für deutsche Unternehmen sind die Deutsche Botschaft sowie die Büros der GTZ und der KfW in Baku. Die GTZ implementiert im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit ein Programm zur Förderung des aserbaidschanischen Privatsektors.


Das Gespräch führte
IHK Frankfurt am Main
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IHK WirtschaftsForum
November 2007