Brasilien
Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen hat Tradition

Aufgrund der immer noch großen sozialen Unterschiede in Brasilien hinsichtlich Einkommen, Bildungschancen und allgemeinen Lebensbedingungen fühlen sich viele Firmen traditionell dazu verpflichtet, in ihrem Umfeld aktiv zu werden und sich gesellschaftlich zu engagieren. Bei größeren CSR-Projekten spielt dabei neben der gefühlten sozialen Verantwortung auch immer die Erkenntnis, dass für ein nachhaltiges Wirtschaften des Unternehmens die sozialen Rahmenbedingungen in der betreffenden Region von entscheidender Wirkung sind, eine wichtige Rolle.

Viele Unternehmen in Deutschland engagieren sich in ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Sie stiften Geld- oder Sachmittel an gemeinnützige Vereine oder Kulturprojekte, sponsern soziale und kulturelle Projekte, stellen Mitarbeiter für ihr soziales Engagement frei oder initiieren sogar eigene Corporate-Volunteer-Programme, die sowohl dem jeweiligen Projekt zugute kommen als auch soziale Kompetenzen und Teamfähigkeit der Mitarbeiter fördern.

Diese unterschiedlichen Aktivitäten werden heute meist unter dem Begriff Corporate Social Responsibility (CSR) zusammengefasst. Im angelsächsischen Raum und dort besonders in den USA spielt die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen seit den Fünfzigerjahren eine starke Rolle. Die Europäische Union hat CSR um die Jahrtausendwende aufgegriffen und begründete im vergangenen Jahr die European Alliance for CSR, die von zahlreichen europäischen Unternehmen oder Verbänden, darunter auch die IHK-Organisation, unterstützt wird. In diesem Zusammenhang noch wenig bekannt ist, dass das Konzept Corporate Social Responsibility auch außerhalb der USA und Europa seit vielen Jahren erfolgreich umgesetzt wird – und zwar in Brasilien. Die dort tätigen Unternehmen investieren beispielsweise in das Bildungswesen, die Infrastruktur, aber auch in den Umweltschutz. Dies bringt nicht nur den Regionen, sondern auch dem Unternehmen wirtschaftliche Vorteile. Ein guter Ausbildungsstand künftiger Mitarbeiter ermöglich langfristig Produktivitätserhöhungen und verbessert die Wettbewerbsfähigkeit.

Ein im Medienzeitalter immer wichtigerer Faktor ist das positive Image, das der Verbraucher mit einem Unternehmen verbindet, das sich gesellschaftlich engagiert. Dies bestätigt eine Studie des brasilianischen Marktforschungsinstitutes TNS Interscience, die in der Ausgabe vom 24. Januar 2007 in der renommierten Zeitung Estado de São Paulo publiziert wurde. Demnach berücksichtigten im Jahr 2006 51 Prozent der Konsumenten die CSR-Aktivität des Herstellers bei der Entscheidung für den Kauf eines Produktes. Dieser Wert lag im Jahr zuvor noch bei 44 Prozent. Anhand dieser Zahlen lässt sich die Werthaltigkeit oder – drastischer ausgedrückt – die Notwendigkeit sozialer Investitionen erkennen.

Auch die brasilianische Regierung fördert die CSR-Investitionen, vor allem über das Steuerrecht. So sind Aufwendungen für eigene CSR-Projekte steuerlich voll abzugsfähig. Ferner gibt es Sonderregelungen für Spenden an gemeinnützige Organisationen und Kinder- und Jugendfonds. Eine interessante Entwicklung ist, dass immer mehr brasilianische Firmen nach den Vorgaben der brasilianischen NGO Ibase eine sogenannte Sozialbilanz über die eigenen CSR-Aktivitäten erstellten. Eine wichtige Anlaufstelle zu diesen Fragen ist der von Unternehmern im Jahr 1998 gegründete Verband Instituto Ethos. Dieser hat heute mehr als 400 Mitglieder, darunter auch mehrere deutsche Unternehmen wie die Deutsche Bank S.A. oder die Deutsche Lufthansa.

Einige Beispiele zum CSR-Engagement brasilianischer Firmen: Banco do Brasil investiert in mehr als 70 sogenannte Nachhaltigkeitsprogramme und gibt darüber hinaus Geschäftskunden Empfehlungen für eigenes CSR-Engagement. Im Gesundheitssektor, konkret der Krebsvorsorge, kooperiert Banco do Brasil im Rahmen des Projektes Criança e Vida mit dem nationalen Gesundheitsministerium und unterstützt finanziell acht Diagnostikzentren. Im Jahr 1999 rief das Verlagshaus Palavra Mágica das Projekt Programa a Palavra é Mágica ins Leben. Ziel ist ein verbesserter Zugang von Kindern zu Büchern und anderen Lernangeboten. Im Rahmen des Projektes werden in Schulen und öffentlichen Einrichtungen Bibliotheken eröffnet und bestehende Angebote ausgebaut. Auch deutsche Unternehmen sind über ihre Tochtergesellschaften im Bereich der sozialen Investitionen in Brasilien sehr aktiv. Hierzu zählen unter anderem die Deutsche Bank, BASF, Henkel und DaimlerChrysler. Bei den einzelnen Projekten stehen die Kinder- und Jugendarbeit, Umweltschutz und verwandte Themen wie Recycling im Vordergrund.

Corporate Social Responsibility war auch ein Themenschwerpunkt der Südamerikareise von Bundespräsident Horst Köhler in diesem Frühjahr. Hierbei wurde sehr deutlich, dass CSR sowohl in Brasilien als auch in Deutschland ein wichtiges Zukunftsthema ist. Teilweise können dabei erfolgreiche CSR-Projekte in Brasilien als Vorbild für Aktivitäten in Deutschland dienen. Aus Sicht deutscher Unternehmen bleibt anzumerken, dass CSR-Projekte sowohl in Deutschland selbst als auch in den wichtigen Auslandsmärkten an Bedeutung gewinnen werden. Neben sozialen Projekten ist dabei vor allem der Umweltschutz ein Schwerpunktbereich. Bei der Auswahl geeigneter CSR-Projekte sollte ein Unternehmen die eigenen Kernkompetenzen und personelle Ressourcen im Blick haben. Für Unternehmen, die ein Engagement in Schwellen- und Entwicklungsländern planen, macht es je nach Projektausrichtung durchaus Sinn, mit den Organisationen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit Kontakt aufzunehmen. Im Rahmen des sogenannten Public-Private-Partnership-Programmes beteiligt sich die Bundesregierung finanziell an entwicklungspolitisch sinnvollen Projekten von Unternehmen im Ausland. 


Christian Schmitt
Mercosur Projektbüro Frankfurt
c/o IHK Frankfurt

IHK WirtschaftsForum
April 2007