Chinas Griff nach Afrika
Teil 1: Fast unbemerkt von der westlichen Welt hat sich China auf dem afrikanischen Kontinent nicht nur Rohstoffquellen gesichert

In Afrika fallen sie immer stärker ins Auge: Chinesen, die überall auf den Straßen auftauchen, Läden mit billigen chinesischen Waren betreiben, auf nahezu jeder Fluglinie Afrika durchqueren, selbstbewusst an Bankschaltern ihre Geschäfte abwickeln oder Straßen, Brücken und Eisenbahnen bauen und neue Ölfelder erschließen. Chinesische Ingenieure, Arbeiter und Kaufleute sind dabei, den afrikanischen Kontinent zu erobern. Wie viele es inzwischen in Afrika sind, weiß keiner so genau. Von rund 750 000 ist die Rede. So leben heute mehr Chinesen in Angola als Portugiesen, die hier seit Jahrhunderten ansässig sind.


Schon am Anfang des 15. Jahrhunderts – noch vor den westlichen Seefahrern – waren unter dem berühmten Admiral Zheng He mächtige Flotten chinesischer Dschunken mit fantastischer Logistik unterwegs, um die Reichtümer Afrikas zu erschließen. Allerdings blieben diese Fahrten episodisch gegenüber der bald danach durch westliche Seefahrer einsetzenden Kolonisierung Afrikas. Diese hatte im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt und endete nach dem zweiten Weltkrieg, als die afrikanischen Staaten in die Unabhängigkeit entlassen wurden.


Und immer ging es dabei um die Reichtümer Afrikas, nämlich seine unermesslichen Rohstoff- und Energiequellen. Doch fast bis in die Gegenwart hat Afrika davon kaum profitiert. Immer wurden nur Rohstoffe ausgeführt. Die Terms of Trade, also das Verhältnis zwischen Export- und Importerlösen hat sich laufend verschlechtert und durch starke Schwankungen an den Rohstoffmärkten oft noch zusätzlich verschärft. Ökonomisch und sozial war dies zu vielen Zeiten ein starkes Hemmnis für die Entwicklung des Kontinents. Dies umso mehr, als eine Industrialisierung Afrikas zur Verarbeitung heimischer Rohstoffe bisher nur in geringem Maße gelungen ist: Außer einigen Ansätzen in Nigeria, Kenia und der Elfenbeinküste vor allem nur in Südafrika und Mauritius. Trotz des Reichtums an Ressourcen sank der Anteil Afrikas am Welthandel auf zwei Prozent. Erst in jüngster Vergangenheit hat sich diese Zahl durch das Engagement Chinas auf dem afrikanischen Kontinent wieder verdoppelt.


Der Aufstieg der Schwellenländer im Kontext der Globalisierung ist eng verbunden mit einem ungeheuren Bedarf an Rohstoffen und Energie. Schon seit Jahren zeigt sich, dass das gesamte Wachstum der Rohstoff-Nachfrage nicht mehr von den westlichen Industrieländern, sondern von diesen aufstrebenden Volkswirtschaften ausgeht.

 

Hoher Bedarf an Rohstoffen und Energie
Die Strategie Chinas ist heute bestimmt durch die Bedürfnisse seiner riesigen Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen und einem beachtlichen Wirtschaftswachstum. Das Bruttoinlandsprodukt Chinas hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten verfünfzigfacht. Dadurch wurden unter anderem 400 Millionen Menschen aus der Armut herausgeführt und ein beachtlicher Mittelstand ist gewachsen. Doch ist dadurch zugleich ein extrem hoher Rohstoff- und Energiebedarf entstanden, der gedeckt werden muss. China ist nach den USA heute der zweitgrößte Ölverbraucher der Welt. Neue Märkte müssen erschlossen werden, um den zunehmenden Wohlstand und weiteres Wachstum zu sichern. Das ist heute eine Existenzfrage des Landes und seiner Machthaber und Grundlage seiner Stabilität.


So ist die Strategie Chinas auf die Sicherung von Rohstoffquellen und Handelsmöglichkeiten ausgerichtet. Den Partnerländern wird dafür der Aufbau von Infrastruktur geboten. Dies ist in vielen afrikanischen Staaten dringend erforderlich, weil die bisherigen Strukturen weitgehend veraltet sind. Nicht zu übersehen ist allerdings, dass die neuen Strukturen auch den chinesischen Interessen nützen – etwa wenn für die Erschließung von Ölfeldern und Minen Straßen, Eisenbahnen und Seehäfen gebaut werden. Teil der chinesischen Strategie ist es auch, eine geostrategische Risikostreuung durch Verträge mit möglichst vielen Ländern zu erreichen und eine langfristige Absicherung seiner Interessen durch Schaffung von Projekten in den Bereichen Bildung, Technologietransfer und Außenhandel.


Das Jahr 2006 war Chinas Afrikajahr. Präsident Hu Jintao und Premierminister Wen Jiabao besuchten insgesamt 16 afrikanische Staaten, und zum anschließenden „Forum of China-African Cooperation“ (FOCAC), das im November in Peking stattfand, reisten 41 afrikanische Regierungs- und Staatschefs und 48 afrikanische Delegationen an. Dabei wurden die Weichen für die Beziehungen zwischen China und Afrika neu gestellt. Unmittelbar danach besuchte Präsident Hu Jintao im Januar 2007 weitere acht afrikanische Staaten und schloss 50 Abkommen. Neben echten Entwicklungsprojekten wurden in großem Maße Schuldenerlasse und neue hohe Kredite gewährt.

 

China bietet Afrika viele Anreize
Das Agieren Chinas ist geprägt durch Schnelligkeit und Effizienz, die den Westen überraschen und den Afrikanern imponieren. Diese Schnelligkeit beruht darauf, dass in China alles in einer Hand liegt: der Staat, die Wirtschaft, die zentrale Notenbank und die Finanzierungsinstitute. Sie alle können schnell und unbürokratisch entscheiden. Die Effizienz liegt zugleich darin, dass Baumaterial, Maschinen und nicht zuletzt Arbeitskräfte, darunter auch Zwangsarbeiter, selbst für einfachste Arbeiten meist aus China mitgebracht und nicht aus dem einheimischen Markt genommen werden. Die Chinesen arbeiten in Afrika lieber mit eigenen Kräften, denn die Qualifikationen der Afrikaner sind gering.


Hinderlich ist auch für die Chinesen, dass die Ansprüche afrikanischer Arbeiter durch die europäische Entwicklungshilfe relativ hoch und deren Arbeitsleistung relativ gering ist. Afrika ist aber dennoch nach wie vor weit davon entfernt, die für den globalen Wettbewerb notwendigen Produktivitätssteigerungen zu erzielen. Bislang lähmt der massive Import chinesischer Produkte die Industrialisierung. Deshalb besteht die Gefahr, dass Afrika weiterhin in der Rohstofffalle auf niedrigem technischen Niveau verharrt. Ob China tatsächlich Interesse daran hat, die Armut in Afrika zu bekämpfen, wird sich noch erweisen. Ein primäres Interesse, dies zu tun, lässt sich nicht erkennen. Denn sonst würde es den Aufbau der Infrastruktur mit einheimischen Arbeitskräften vorantreiben.


Die Anreize, die China seinen Partnern in Afrika bietet, sind umfassend: Schuldenerlasse, kaum konditionierte Milliardenkredite und bedeutende Niederlassungshilfen für chinesische Firmen. Auch für „Nützliche Aufwendungen“, sprich Korruption, ist Afrika ein sehr empfängliches Feld. Inzwischen ist China auch der größte Einzelinvestor Afrikas. Es ist aber nicht daran interessiert, das besonders publik zu machen. China neigt vielmehr dazu, sein Engagement unterzudeklarieren.

 

Demokratische Werte spielen keine Rolle
China stellt im Gegensatz zum Westen keine Vorbedingungen für Geschäftsabschlüsse. Der Westen wirbt in Afrika für eine Werte- und Reformpartnerschaft und versucht, Entwicklungshilfe nur gegen Einhaltung der Regeln der Weltbank für „Good Governance“ zu gewähren. Beides ist jedoch heute genauso unzeitgemäß, wie Missionare zu den „unwissenden Wilden“ zu schicken. Für China gibt es nicht die klassische Verknüpfung von Marktwirtschaft und Demokratie, eines der Kernelemente westlicher Wachstumsstrategien. Die inneren Angelegenheiten der Staaten werden von China nicht thematisiert. So unterhält die Republik beispielsweise Beziehungen mit Simbabwe und kümmert sich nicht um westliche Sanktionen, sondern liefert selbst Waffen dorthin. Während der Westen viele Beziehungen in Afrika, nicht zuletzt auch auf Druck von Menschenrechtsorganisationen abbrach, stieß China in diese Lücken vor.


Auch wenn planwirtschaftlich zentral gelenkte Staatskonzerne häufig das Bild bestimmen, sind die Hälfte aller chinesischen Firmen privatisiert. Statt Funktionären begegnet man dort häufig auch Vollblut-Unternehmern. Es sind nicht nur große und mächtige Unternehmen, die das Bild bestimmen, sondern zunehmend auch chinesische Kleinunternehmer, wie etwa kleine Minenunternehmen im Kongo. Das effiziente Handeln Chinas beruht auf der Politik „aus einer Hand“. Gleichmäßigkeit und das Ziel des Handelns lässt im Hintergrund den chinesischen Staat erkennen. Die Einbeziehung immer weiterer Realitätsmomente und individueller Initiativen bei Wahrung der Gesamtkontrolle durch Partei und Staat ist ein Merkmal chinesischen Handelns. Damit treten zunehmend persönliche Fähigkeiten und Initiativen der Chinesen, allerdings auch deren Schwächen, an die Stelle funktionärshaft-konformen Handelns.      



Richard Speich

Hauptgeschäftsführer a.D
IHK Frankfurt am Main

richard.speich@gmx.net


IHK WirtschaftsForum
Mai 2009