Gigantomanie mit Fragezeichen
Tourismus in den Golfstaaten

Kaum eine andere Region in der Welt kennt einen Bau-Boom ähnlich gigantischen Ausmaßes wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Ziel ist es, die Ferien- und Geschäftsreisenden aus aller Welt anzuziehen und damit eine alter-native Einnahmequelle zum bald versiegenden Öl zu schaffen. Schon jetzt stellt der Tourismus einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Beim Blick auf die derzeitigen Großprojekte in der Region drängt sich jedoch auch die Frage auf, wohin die Reise langfristig gehen soll.

So mehren sich die kritischen Stimmen, die befürchten, dass sich einige der gigantischen Projekte als Immobilienblase entpuppen könnten. Dies würde dann nicht nur die Investoren und Anleger betreffen, sondern könnte auch der Tourismusdestination insgesamt ein negatives Image bescheren.

Aktuell werden die Hotel-Kapazitäten vor allem in Dubai und Abu Dhabi weiter massiv ausgebaut. Innerhalb eines Jahrzehnts stieg die Zahl der Hotels in der Shopping- und Handelsmetropole am Arabischen Golf auf 415 an. Der World Travel & Tourism Council (WTTC) schätzt, dass der Tourismus bereits im Jahr 2007 rund 350 000 Arbeitsplätze in den VAE sicherstellt. Die Zahl der Hotelgäste erreichte 2006 insgesamt 6,3 Millionen, dies sind 1,2 Millionen mehr als vor zehn Jahren. Alleine im vergangenen Jahr wurden rund 10 000 Hotelbetten neu gebaut. Für 2016 wird in Dubai mit fast 500 Hotels und einer Gesamtkapazität von etwa 86 000 Zimmern gerechnet.

Was um die Jahrtausendwende noch für viele wie eine Utopie und ferne Zukunftsmusik anmutete, ist längst Wirklichkeit: The Palm in Dubai – eine gigantische Hotelanlage, die von oben betrachtet die Form einer Palme hat. Allein der so-genannte Stamm hat eine Länge von zwei Kilometern. Die künstlich an-gelegte Inselgruppe soll einmal 32 Luxushotels und rund 4 000 Villen beherbergen. In diesem Jahr sollen die ersten Gäste kommen. Mit The World entsteht ein ähnliches Projekt. Diese Inselgruppe soll aus 300 kleinen Inseln bestehen, die in Form von Ländern auf einer Weltkarte angeordnet sind und auf denen exklusive Villen und Häuser mit privaten Yachthäfen entstehen.

Ambitionierte Projekte wie The Palm und The World sind beispielhaft für einen Bauboom in Dubai, der scheinbar keine Grenzen kennt. So entsteht derzeit der Burj Dubai, der mit rund 700 Metern höchste Bau der Welt. Die genaue Höhe wird bis zuletzt geheim gehalten. Ebenfalls in Dubai soll unter dem Namen The Lagoons Dubai eine parkähnliche Anlage mit künstlichen Kanälen und Seen auf einer Fläche von sechs Quadratkilometern errichtet werden. Zu diesem Stadt-in-der-Stadt-Projekt mit einem Investitionsvolumen von rund 18 Millionen US-Dollar gehören neben Wohnungen und Büros auch Luxushotels, Handelsflächen und ein Opernhaus.

Das größte Emirat ist Abu Dhabi. Touristisch spielt es noch nicht die Rolle wie Dubai, aber auch dort sind die Pläne ambitioniert. Die Besucherzahl soll laut Abu Dhabi Tourism Authority von 1,3 Millionen im Jahr 2005 auf über 3,5 Millionen im Jahr 2015 steigen. Große, PR-trächtige Projekte sollen die Touristen locken. So ist geplant, 2009 einen Formel-1-Grand-Prix auszurichten; die 5,6 Kilometer lange Strecke soll auf Yas Island direkt vor der Küste entstehen. Die 200 Inseln des Emirats Abu Dhabi gelten als touristisches Potenzial: Yas Island erhält neben der Formel-1-Strecke ein Ferrari-Museum, eine Ferrari-Fahrschule sowie Theater und Hotels. Auf Saadiyat Island soll eine riesige Kulturmeile entstehen. Nach Abu Dhabi reisten im vergangenen Jahr 180 000 deutsche Urlauber. Verglichen mit Dubai ist das noch wenig. Dort werden für 2007 circa 6,5 Millionen Gäste erwartet, davon 300 000 aus Deutschland - gegenüber 265 000 im Jahr 2006.
Auch die kleinen Nachbaremirate Dubais wollen am Tourismusboom in der Golfregion partizipieren und ziehen mit entsprechenden Projekten nach. Expansionspläne hat etwa Sharjah, das drittgrößte Emirat, das sich in den Siebzigern als eines der ersten arabischen Länder dem Tourismus geöffnet hat: Die Zahl der deutschen Gäste lag 2006 bei 50 000 – ein Zuwachs um zehn Prozent zum Vorjahr.

Insgesamt landeten 1,6 Millionen Gäste am internationalen Flughafen, der in diesem Jahr deutlich erweitert wird: Künftig sollen acht Millionen Passagiere kommen, gab das Emirat bei der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin bekannt. In spätestens fünf Jahren soll das Noujoom-Island-Ressort Wirklichkeit werden: Dafür werden zehn Inseln vor der Küste mit Brücken verbunden. Auf den Inseln entstehen vier Fünf-Sterne-Hotels, Ausstellungshallen und eine Marina. Sharjah gilt als wichtigstes Ziel der Region für den Kulturtourismus: Das Sharjah-Kunstmuseum etwa ist das größte am Golf.

Erleben die Vereinigten Arabischen Emirate einen Tourismus-Boom mit Happy End oder platzt die Immobilienblase am Ende doch? Als Shopping- und Handelsmetropole wie auch als Destination für den internationalen Geschäftstourismus wird sich Dubai auf absehbare Zeit voraussichtlich behaupten können. Außerdem bietet das Drehkreuz Dubai ideale Verbindungen zu den asiatischen Wachstumsmärkten. Die entstehenden Bettenkapazitäten werden jedoch sicher auch immer stärker über den Preis verkauft werden müssen und damit gerade im Leisure-Segment Zielgruppen anziehen, die der angestrebten Exklusivität der Tourismusdestination nicht entsprechen.    


Elmar Kunz
ghh Consult
Wiesbaden

IHK WirtschaftsForum
Juni 2007