Die Industrialisierung übersprungen
Interview mit Bernhard Steinrücke, Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer (IGCC), Mumbai

Der Milliardenmarkt Indien wird derzeit als Wachstumsmarkt stark diskutiert. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um sich auf dem Subkontinent zu engagieren?

Steinrücke: Wer wird sich schon gerne einen Milliardenmarkt entgehen lassen? Der indische Markt ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und wird auch künftig weiter wachsen. Viele Hürden für ausländische Investitionen sind inzwischen abgebaut, überdies wurden die Einfuhrzolltarife gesenkt. Die indische Börse befindet sich in einer Hochphase, speziell die dort gelisteten deutschen Unternehmen liegen an der Spitze der Unternehmen mit den größten Zuwachsraten.

Welche wirtschaftlichen Impulse sind von der neuen Regierung zu erwarten?

Die neue, kongressgeführte indische Regierung setzt den Wirtschaftskurs der alten Regierung fort, mit weiteren Investitions- und Handelserleichterungen ist in den nächsten Jahren zu rechnen. Insofern stehen die Zeichen günstig für deutsche Investitionen in Indien. Die Deutsch-Indische Handelskammer spürt diese Entwicklung bereits seit Beginn des Jahres 2004 deutlich. Die Anzahl der Anfragen von deutschen Unternehmen, die sich für Indien interessieren, hat stark zugenommen.

Wie beurteilen Sie die Geschäftschancen für den deutschen Mittelstand in Indien und welche Branchen bieten besonders attraktive Absatzmöglichkeiten für mittelständische Unternehmen?

Zu nennen sind insbesondere die Bereiche Automobil, IT, Werkzeugmaschinen, Nahrungsmittel, Biotechnologie und Pharmazie. Nicht zu vergessen die Energiewirtschaft, hier besonders der Bereich der alternativen und erneuerbaren Energiequellen, die in Indien bereits einen erstaunlich großen Marktanteil haben. Aber auch im Film- und Entertainment-Bereich können sich für deutsche Unternehmen in Indien interessante Perspektiven ergeben. Mit ihrer Qualität bei Produkten, Arbeitsbedingungen und Zulieferindustrien kann die indische Textil- und Bekleidungsindustrie mit Unterstützung deutscher Webtechnik, Designs und Marketing-Strategien zur Kleiderfabrik nicht nur für Deutschland und Europa, sondern für die ganze Welt werden.


Mit immensen Wachstumsraten wie in China kann Indien nicht konkurrieren. Wo liegen vor diesem Hintergrund die spezifischen Stärken des Subkontinents?

Die Stärke Indiens ist sein Potenzial an sehr gut ausgebildetem Personal in fast allen Bereichen. Gerade im ingenieurtechnischen wie im kaufmännischen Bereich werden jährlich einige Hunderttausend neue Absolventen von Universitäten und Hochschulen vom Arbeitsmarkt recht bereitwillig aufgesogen. Woran es den meisten Absolventen mangelt, ist Praxiserfahrung. Dieser Entwicklung steuert die Deutsch-Indische Handelskammer mit ihrem Indo-German Training Center (IGTC) in Bombay entgegen. Dort wird in Zusammenarbeit mit der Berufsakademie in Karlsruhe das Duale System praktiziert.

Wie relevant für ausländische Firmen ist die Tatsache, dass das Land im Unterschied zu China demokratisch regiert wird?

Eine demokratische Regierung steht für ein stabiles Rechtssystem, so, wie es den Unternehmern auch aus Deutschland bekannt ist. Da Entscheidungsprozesse in einer Demokratie länger dauern als in anderen Staats- und Regierungsformen, kann dies aber auch gleichzeitig ein Hemmschuh in den Anfangsjahren eines deutschen Unternehmens in Indien werden. Andererseits gibt es gerade in der jüngeren Vergangenheit Beispiele von mittelständischen und großen deutschen Unternehmen, die beispielsweise in den Bereichen IT, Versicherungen und elektronischem Zubehör den indischen Markt in kürzester Zeit erfolgreich erobert haben und/oder von Indien aus die Weltmärkte bedienen.

Ein Engagement in Indien kann für deutsche Unternehmen zur Geduldsprobe werden?

In Indien sollte eine Investition langfristig betrachtet werden. Die überwiegende Mehrzahl der deutschen Unternehmen, die an der indischen Börse gelistet sind und heute überaus erfolgreich in Indien arbeiten, teilweise besser als die eigenen Mutter-Unternehmen in Deutschland, hat sich diesen Erfolg besonders in den Anfangsjahren hart erarbeiten müssen und fährt heute die Früchte dieser harten Arbeit ein. Diese Unternehmen sind nicht nur sehr profitabel, sie verfügen in ihren Produktbereichen in der Regel über führende Marktpositionen.

Was unterscheidet Indien von anderen Auslandsmärkten und was sind die typischen Fehler der Neueinsteiger?

Aufgrund der großen Bevölkerung verfügt Indien über einen heimischen Markt, der in etwa mit dem der erweiterten EU verglichen werden kann. Die Schwankungen in der Weltwirtschaft kommen in Indien lediglich als periphere Ausläufer an und beeinträchtigen einen nahezu souveränen einheimischen Markt kaum. Dies bedeutet, dass der indische Markt durchaus als ein eigenständiger Markt betrachtet werden kann, der nicht unbedingt den Gesetzmäßigkeiten der Weltwirtschaft unterliegt. Deutsche Unternehmer unterschätzen oft die Größe und die Stärke dieses Marktes. Doch wenn sie beginnen, Indien nicht als Entwicklungsland, sondern als unabhängigen Industriestandort zu betrachten, werden sie sich in Indien leichter tun, zumal die kulturelle und soziale Vielfalt des Subkontinents für deutsche Erstbesucher in Indien bereits genügend Fragen aufwerfen wird.

Auf welche Probleme muss sich ein Unternehmer einstellen, wenn er in Indien eine Produktion aufbaut?

Zunächst einmal die positive Nachricht: Genehmigungen zur Errichtung einer Tochtergesellschaft, die in den meisten Wirtschaftsbereichen für ausländische Unternehmen heute zu 100 Prozent – sprich ohne indische Beteiligung möglich sind – sind in der Regel keine Hindernisse mehr. Normalerweise ist eine solche Genehmigung inklusive Gründung der Tochtergesellschaft in Indien innerhalb von drei Monaten möglich. Die größten Bremsklötze sind derzeit noch der Kauf von Land sowie die Baugenehmigung zur Errichtung der Produktionseinheit.

Unternehmen, die in den Wirtschaftszentren von China oder Russland aktiv sind, berichten von zum Teil extremen Gehaltsanforderungen und Jobhopping der Mitarbeiter. Wie loyal sind indische Mitarbeiter?

Wenn sich zwischen Mitarbeiter und Führungspersonal ein Vertrauensverhältnis aufbauen lässt, dann sind indische Mitarbeiter sehr loyal. Der Wohlfühl-Faktor ist indischen Mitarbeitern in der Regel wichtiger als ein Angebot mit etwas mehr Gehalt. Dies schließt jedoch nicht aus, dass sich indische Mitarbeiter durchaus auch neue Herausforderungen vorstellen können und versuchen werden, diese umzusetzen. Und zwar vorzugsweise dort, wo sie beschäftigt sind. Wenn dies aber nicht geht, schauen sie sich selbstverständlich auf dem Beschäftigungsmarkt um.

Produktpiraterie stellt in manchen asiatischen Märkten ein erhebliches Problem dar. Ist Indien gewappnet, den Kampf gegen diese weltweit immer noch stark zunehmende Form der Wirtschaftskriminalität aufzunehmen?

Mit Beginn diesen Jahres ist in Indien ein neues Patentgesetz in Kraft getreten, das nicht nur Verfahrenspatente – wie bisher –, sondern nun auch Produktpatente zulässt. Insofern ist dies ein Schritt in die richtige Richtung. Im Laufe dieses Jahres wird sich zeigen, wie das Gesetz tatsächlich umgesetzt wird und ob es erfolgreich sein kann im Kampf gegen Produktpiraterie. Das Problem in Indien ist erkannt. Wie die neuen Maßnahmen greifen, wird sich zeigen.

Indische Softwareentwickler genießen Weltruf. Wie steht es um andere Dienstleistungsbranchen und was bietet der Forschungsstandort Indien?

Der indische Dienstleistungsbereich ist sehr stark. Im Grunde hat Indien den Prozess der Industrialisierung übersprungen und ist direkt auf dem Weg von einer Agrarwirtschaft in eine Dienstleistungswirtschaft. Auch wenn der Industriebereich im dritten Quartal 2004 um 7,5 Prozent gewachsen ist, hatte der Dienstleistungssektor im gleichen Zeitraum mit einem Wachstum von 8,8 Prozent die Nase vorn.

Welche Unterschiede machen Sie hinsichtlich des Dienstleistungsbereichs zwischen China und Indien aus?

Während China sich mehr auf den Industriebereich konzentriert, liegt die Stärke Indiens im Dienstleistungssektor. Insofern wird die Weltwirtschaft auf die beiden starken asiatischen Länder ein Auge haben müssen. Denn wenn China und Indien erkennen, dass sie in vielen Bereichen kooperieren können, wird Asien zu einer wirtschaftlichen Supermacht aufsteigen. Davon werden speziell die deutschen Unternehmen profitieren, die dann bereits in China und in Indien vertreten sind.


Das Gespräch führte
Dr. Karin Zeni
Geschäftsführerin, International, IHK Frankfurt am Main

Bernhard Steinrücke, Geschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer: „Die Stärke Indiens ist sein Potenzial an sehr gut ausgebildetem Personal in fast allen Bereichen. Insbesondere der indische Dienstleistungsbereich ist sehr stark.“ 

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IHK WirtschaftsForum
März 2005