Infrastruktur
Logistische Herausforderungen

Wer in Indien eine funktionierende Logistikkette aufbauen möchte, muss dabei zweierlei bedenken: Zum einen ist Indien zehnmal so groß wie Deutschland, zum anderen ist die Verkehrsinfrastruktur verbesserungsbedürftig.


Darüber hinaus sind die Transportkapazitäten in Indien völlig überaltert und zum Teil sehr schlecht gewartet. Hinzu kommt noch eine Vielzahl von gesetzlichen und steuerlichen Vorschriften, die den Warenverkehr in Indien erschweren und zusätzliche Ansprüche an das Supply Chain Management generieren.


So gibt es bis heute kein einheitliches Mehrwertsteuersystem in Indien. Für einen staatenübergreifenden Transport benötigt der Spediteur Fahrzeuge, die einen sogenannten All India Road Permit haben. Zudem muss für jede Sendung vom Empfänger eine Transporterlaubnis beantragt werden. Diese Hemmnisse erschweren die Distribution von Waren in Indien ganz erheblich. Miebach Consulting befragte 2009 rund 400 international agierende Unternehmen aus verschiedensten Branchen zum Thema Logistikkosten. Mit 4,2 Prozent sind diese – im Vergleich zum Umsatz – in Indien am niedrigsten. Die Bestandskosten liegen jedoch im oberen Drittel. Dies dürfte zum Teil auf das bereits genannte uneinheitliche Mehrwertsteuersystem zurückzuführen sein.

 

Vieles spricht für Indien
Noch ausschlaggebender sind hierbei jedoch sicher die Größe des Landes und die schlechte Verkehrsinfrastruktur mit langen und unsicheren Transportwegen. Neben diesen Barrieren birgt Indien aber auch Besonderheiten, die das Land besonders attraktiv für deutsche Unternehmen machen. So investiert Indien als zweitbevölkerungsreichstes Land der Erde viel in die Bildung und hat damit ein hohes Potenzial an qualifizierten und motivierten Akademikern. Zudem sind die Lohnkosten bei Geringqualifizierten im gewerblichen Bereich sehr niedrig. Ein entsprechender Qualitätsanspruch erfordert hier umfangreiche Schulungen und Einarbeitungen.


Das wichtigste Argument für Indien ist jedoch eine stark wachsende Ökonomie, die sich zunehmend an den Standards der Industrienationen orientiert. Außerdem ist das Wachstumspotenzial als Absatz- und Beschaffungsmarkt enorm. Darüber hinaus entwickelt die indische Mittelschicht einen fortschreitend konsumorientierten Charakter.

 

Höhere Kosten beherrschbar
Die höheren Kosten für Logistik und Qualität sind durch verschiedene Strategien beherrschbar. Zu nennen wäre der Einsatz eines interdisziplinären Planungsteams im Sinne des Supply-Chain-Ansatzes aus Einkauf und Logistik. Auch ein optimiertes Zeitmanagement, das Klärungsgespräche mit den Lieferanten und ein gemeinsames Verständnis von Terminen, Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit erlaubt, ist von großer Bedeutung. Des Weiteren sollten Unternehmen Wert auf klare Vorgaben, zum Beispiel bezüglich der Verpackung und der Qualität legen und gezielte Schulungen des indischen Personals einplanen. Indische Mitarbeiter verfügen über eine gute Auffassungsgabe und lernen sehr schnell. Daher ist es ratsam, in der Startphase eine gewisse Fehlertoleranz zu akzeptieren. Ein eigenes Qualitätsmanagement vor Ort ist allerdings unumgänglich.


Wer sich an die Grundsätze zum Aufbau der Supply Chain in Indien hält, sichert sich eine hohe Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Um die Verfügbarkeit wichtiger Artikel in Indien sicherzustellen, sollten Unternehmen auf eine etwas höhere Bevorratung entsprechender Bestände beziehungsweise eine Mehrfachlagerung setzen. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls wichtig, einen lokalen Logistikdienstleister zu wählen, um von dessen Wissen um die indische Mentalität und die Infrastrukturprobleme zu profitieren.


Neben dem permanenten lokalen Qualitätsmanagement seien zudem ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch und Optimierungsgespräche mit dem eigenen Management und den Supply-Chain-Partnern empfohlen. Ohne die Bereitschaft zum Know-how-Transfer und zur Schulung der eigenen Mitarbeiter und Lieferanten fällt der geschäftliche Erfolg in Indien ungleich schwerer.    



Autor


Jürgen Hess

Sprecher der Geschäftsführung

Miebach Consulting

Frankfurt am Main

frankfurt@miebach.com



Definition


Supply Chain Management beinhaltet die Planung und Steuerung aller Aktivitäten, die verbunden sind mit Einkauf, Beschaffung, Produktion und Logistik. Die Grundlagen des Supply Chain Managements sind die Koordination und Zusammenarbeit mit Lieferanten, Dienstleistern, Händlern und Kunden. Es integriert das Beschaffungs- und Absatzmanagement in einem Unternehmen und zwischen den Unternehmen.



IHK WirtschaftsForum
Juni 2010