Straßenbau
Ehrgeizige Infrastrukturpläne

Kamal Nath, indischer Minister für Straßen- und Transportwesen, hat sich zum Ziel gesetzt, in Indien pro Jahr 7 000 Kilometer Autobahn zu bauen. Zum Vergleich: Das hoch entwickelte Autobahnnetz Deutschlands umfasst insgesamt 11 000 Kilometer.

Über das National Highway Development Programme (NHDP) hinaus, das also 20 Kilometer Autobahn täglich bauen will, wurde eine gesonderte Expressway Authority of India eingerichtet, die die Entwicklung von fast 17 000 Kilometern Schnellstraße in Indien übernehmen wird. Die Zahlen zeigen: Mit sieben Prozent Verkehrswachstum und zwölf Prozent Umsatzsteigerungen in der Automobilindustrie gehört der Straßenbau zu den wachstumsstärksten Sektoren der indischen Volkswirtschaft. Die ehrgeizigen Infrastrukturpläne der indischen Regierung umfassen außerdem den Bau von Brücken und Straßenüberführungen sowie das Entstehen gehobener Megastrukturen und Seeverbindungen.

Diese Projekte tragen der zunehmenden Urbanisierung Indiens Rechnung. Wie andere Infrastrukturprojekte auch, stehen sie einigen Herausforderungen gegenüber. Dabei stellt die Finanzierung der Infrastrukturprojekte in Indien eines der größten Probleme dar: Die Kerninfrastruktursektoren, zu denen neben dem Straßenbau auch der Eisenbahn- und Flugverkehr sowie die Gas- und Stromversorgung, aber auch die Bewässerung zählen, sieht sich im laufenden Fünf-Jahresplan der indischen Regierung (Eleventh Plan Period) einem Finanzierungsdefizit von 150 bis 190 Milliarden US-Dollar gegenüber. Dieses Defizit entspricht etwa 35 Prozent der geplanten Investitionen in diesem Sektor. Allein der Bau von 20 Kilometern Autobahn täglich bedarf einer Gesamtinvestitionssumme von 80 Milliarden US-Dollar, die in den nächsten drei bis fünf Jahren aufgebracht werden müssen.

Verspätungen steigern Projektkosten
Auch die Projektdurchführung birgt erhebliches Optimierungspotenzial. Indische Ingenieur-, Beschaffungs- und Bauunternehmen sind oftmals nur schwer in der Lage, Möglichkeiten zur Zeit- und Kosteneinsparung durch effektivere Beschaffungs- und Planungsprozesse für sich zu nutzen. Diese Ineffizienzen verursachen durchschnittlich 20 bis 25 Prozent Zeit- und Kostenüberschreitungen bei Projekten, in einigen Sektoren sogar mehr als 50 Prozent. Dabei spielt auch der teilweise eingeschränkte Zugang zu modernen Materialien, Equipment und Technologien eine Rolle. Trotz der guten Ausbildung indischer Konstrukteure und Ingenieure entstehen bei der Zusammenarbeit mitunter Differenzen, die zu Modifikationen an laufenden Projekten führen. Diese wiederum verursachen nicht selten Auseinandersetzungen und damit Verspätungen, was sich schließlich auch auf die Projektkosten niederschlägt.

Verzögerungen verursacht eine zum Teil noch etwas schwerfällige Bürokratie: Infrastrukturprojekte bedürfen in Indien einer Vielzahl behördlicher Genehmigungsverfahren – die in den wenigsten Fällen einen festgelegten Zeitrahmen haben. Ein weiteres sehr verbreitetes Problem in Indien ist die Beschaffung von Bauland. Wie in der weltweiten Praxis üblich, sollte das zu bebauende Land bereits vor der Ausschreibung komplett im Besitz der Baubehörde sein. Dies ist in Indien nicht immer der Fall. Oftmals werden Projekte bereits ausgeschrieben, wenn erst ein Teil des Landes gekauft wurde, manchmal weniger als 30 Prozent des kompletten zu bebauenden Gebiets. Die späte Beschaffung des benötigten Baulands sorgt dann ebenfalls für Projektverzögerungen – und ist eine der größten Herausforderungen bei Straßenbauprojekten.

Indische Regierung schafft Abhilfe
Hier hat die indische Regierung mit dem Einsatz des ambitionierten National Highway Development Programme Abhilfe geschaffen. Um die schnelle Baulandbeschaffung sicherzustellen, richtete die indische Regierung auf Länderebene Referate ein. Diese Länderreferate sind mit State-of-the-Art-Technologie ausgestattet, die über den gesamten Planungsprozess zum Einsatz kommt. Die Technologie ermöglicht darüber hinaus den Zugang zu Satellitenkarten. Mittels Satellitenfotos wird bereits vor der Planung Kartenmaterial für die Baulandbeschaffung erstellt und die Landbeschaffung im Vorfeld geklärt.

Die National Highways Authority of India (NHAI) selbst ist dezentral organisiert, mehr als zehn regionale Genehmigungsbüros und sechs Geschäftsführer an unterschiedlichen Standorten sorgen für eine bessere Koordination mit der verantwortlichen Regierungsbehörde. Genehmigungsverfahren werden so verkürzt und Zulassungen schneller erstellt. Um die Straßenentwicklung und -erhaltung sowie den Straßenbetrieb im Zuge eines Public-Private-Partnership-Programms für private Investoren attraktiv zu machen, schuf die indische Regierung die Gesetzesgrundlage dafür. Dank dieser Gesetzesnovelle ist es privaten Investoren heute möglich, Abgaben und Gebühren von Nutzern der Straßen oder Brücken zu erheben. Seit der Novelle und der Gründung eines Public-Private Partnership Appraisal Committee im Januar 2006 hat die Behörde 116 Projekte mit Projektkosten von 23,9 Milliarden US-Dollar bewilligt, die einen Teil der Finanzierung gewährleistet.

Die indische Regierung schnürte ein umfassendes Maßnahmenpaket, das die Entstehung großer Infrastrukturprojekte erleichtert und mögliche Hemmnisse beseitigt. Mit diesen Regelungen konnte so beispielsweise das Golden- Quadrilateral-Projekt – ein Autobahnnetz, das die vier Mega-Städte Delhi, Mumbai, Kalkutta und Chennai miteinander verbindet – im Dezember vergangenen Jahres nahezu abgeschlossen werden. Unter Leitung der NHAI entstand hier ein fast 6 000 Kilometer langes vier- beziehungsweise sechsspuriges Autobahnnetz, die dazugehörige Gebäudeinfrastruktur eingeschlossen. Seit der Inbetriebnahme dieses Netzes fördern weniger als zwei Prozent des indischen Straßennetzwerks fast 40 Prozent des gesamten Autoverkehrs in Indien.


Autor

Olaf Hoffmann
CEO
Dorsch Gruppe
Offenbach am Main

IHK WirtschaftsForum
Juni 2010