Erfolgsfaktor Vertrauen
Deutsch-japanische Zusammenarbeit profitiert von Gemeinsamkeiten und komplementären Stärken

Seit 1960 arbeitet das Familienunternehmen Freudenberg eng und partnerschaftlich mit zwei japanischen Firmen, der NOK Corporation und der Japan Vilene Company, zusammen. Gibt es Erfolgsfaktoren für die seit nahezu fünf Jahrzehnten bestehende Unternehmenspartnerschaft, die sich jenseits aller kulturellen Unterschiede bewährt hat?

Zur Unternehmensgruppe Freudenberg zählen 13 selbstständige Ge-schäftsgruppen, die weltweit in unterschiedlichen Märkten tätig sind, nicht zuletzt im Bereich Automobil- und Zuliefererindustrie. Als Familienunternehmen mit einer über 150-jährigen Firmengeschichte legt Freudenberg vor allem Wert auf eine langfristige Orientierung, finanzielle Solidität und die Exzellenz der Mitarbeiter. Die inzwischen fast fünf Jahrzehnte währende Zusammenarbeit mit japanischen Unternehmen ist im Sinne der langfristigen Orientierung daher durch Vertrauen, Respekt und Freundschaft geprägt. Dies spiegelt sich vor allem in der bedingungslosen Offenheit wider, die in den Partnerschaften gelebt wird.

Das Portfolio des Weinheimer Familienunternehmens umfasst neben Dichtungen und schwingungstechnischen Komponenten auch Filter, Vliesstoffe, Trennmittel und Schmierstoffe, die an nahezu alle Automobilhersteller der Welt sowie an Kunden aus anderen Industriezweigen geliefert werden. Die NOK Corporation mit Sitz in Tokyo, Japan, ist ein Produzent von Dichtungs- und Schwingungstechnik, flexiblen Leiterplatten, Schmierstoffen und Spezialchemikalien. Seit dem Beginn der Zusammenarbeit mit Freudenberg im Jahr 1960 und einhergehend mit der wachsenden Bedeutung von japanischen Kunden in der Automobilbranche und anderen Industriesektoren, intensivierte sich die Zusammenarbeit der beiden Unternehmen weltweit und umfasst nun zahlreiche Gemeinschaftsunternehmen in den USA, Asien und Europa. Die Japan Vilene Company (JVC), Tokyo,  stellt Vliesstoffe für die Bekleidungs-, Automobil- und Elekt-roindustrie sowie für die Medizin, Konsumgüter und die Landwirtschaft her. Produziert wird nicht nur in japanischen Werken der JVC, sondern auch in China, Taiwan, Hongkong, Korea und in den USA in Gemeinschaftsunternehmen mit Freudenberg Vliesstoffe.

Zum offenen technologischen Austausch der Partnerunternehmen gehören sowohl der Bereich Produktentwicklung als auch Fertigungstechnologien. Unentgeltlich und vertrauensvoll gewähren sich die Partner Zugang zu allen Technologien und Produkten. Durch diese Offenheit kommen in der Partnerschaft vor allem die komplementären Stärken zum Tragen. Gerade hier liegt auch der Nutzen, den deutsche Betriebe aus einer Partnerschaft mit japanischen Unternehmen ziehen können.

Immer wieder zeigt es sich, dass westliche Unternehmen revolutionäre Produkt- oder Prozessideen haben. Wenn es schließlich um die erfolgreiche Industrialisierung geht, sind jedoch die japanischen Unternehmen schneller auf dem Markt. Dies basiert nicht zuletzt auf der – aus deutscher Sicht – manchmal übertrieben anmutenden Detailverliebtheit, die der japanischen Kultur zu eigen ist.

Eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist der Transistor. Doch auch in der Produktwelt des Weinheimer Unternehmens gibt es ähnliche Fälle. Sie führen dazu, dass deutsche und japanische Ingenieure am Know-how des anderen partizipieren und durch das Zusammenspiel von komplementären Stärken beide Seiten am Ende profitieren. Ganz bewusst wird zugelassen, nicht alles gleich zu machen, damit auf regionale Marktanforderungen und Kundenbedürfnisse auch regional eingegangen werden kann.

Vor fünf Jahrzehnten war noch nicht abzusehen, dass die japanische Automobilindustrie eines Tages in der Welt eine führende Rolle spielen würde. Mit dem Erfolg von Toyota und anderen japanischen Firmen sind auch die Partner von Freudenberg in Japan gewachsen und haben in der Produktion ein vorbildliches Niveau an Qualität und Effizienz erreicht. Durch die Partnerschaft hat das deutsche Unternehmen direkten Zugang beispielsweise zu den Kaizen-Methoden (kontinuierliche Verbesserung) der NOK und der JVC. Diese lassen sich aufgrund der direkten Verwandtschaft der Produkte fast unverändert in der Produktion von Freudenberg anwenden.

In den Gemeinschaftsunternehmen in den USA, China oder Europa werden, neben den Dichtungen für europäische oder amerikanische Kunden, auch von der NOK entwickelte Dichtungen für die Transplants der japanischen Automobilhersteller produziert. Damit werden Ressourcen gemeinsam genutzt und die Produktionsverlagerung rechnet sich schon ab kleineren Mengen. Es entsteht somit eine echte Win-win-Situation für alle Beteiligten. In einer solchen Konstellation lernen die Ingenieure beider Seiten voneinander und Best Practices können schnell erkannt und weitergegeben werden.

Deutschland und Japan haben einige Gemeinsamkeiten, wie beispielsweise wenig Bodenschätze, automobillastige Industrie, Industrialisierungsgrad, hoher Servicelevel, hohe Qualitätsansprüche, Disziplin und stabile Rechtsordnung. Gleichzeitig stehen beide Gesellschaften auch vor großen Herausforderungen, Stichworte demografischer Wandel sowie Übergang zur Know-how-basierten Wissensgesellschaft. Diese Herausforderungen wurden von Politikern beider Seiten inzwischen erkannt. Doch welche Chancen entstehen daraus für deutsche und japanische Unternehmen?

Deutsche Unternehmen könnten sich zum Beispiel in Japan entwickelte und angebotene Produkte und Dienstleistungen näher anschauen, die der Überalterung der Gesellschaft Rechnung tragen (Stichwort Seniorenmarketing). Es wird sicherlich für das ein oder andere deutsche Unternehmen überraschend sein, welche Ideen und Lösungen in Japan diskutiert werden. Denn sie adressieren zwar die gleiche Problemstellung wie in Deutschland, schlagen aber ganz andere Wege ein. Eine Partnerschaft mit einem japanischen Unternehmen könnte dann dazu führen, dass deutsche Produkte für den japanischen Markt durch den dortigen Partner angepasst und vor Ort vermarktet werden.

Die Sprache, die für eine dauerhafte Kundenbeziehung erforderliche langfristige Orientierung und die hohen Ansprüche an Qualität und Kundenservice machen es für viele Nicht-Japaner schwer, sich den Marktzugang aus eigener Kraft zu erarbeiten. Umgekehrt lassen sich mit den Erfahrungen aus dem japanischen Markt auch die Produkte für den heimischen Markt verbessern, wodurch sich ein Wettbewerbsvorteil im Heimatmarkt einstellen kann.

Der Schlüssel zum Erfolg in der Kooperation mit japanischen Unternehmen liegt in der Auswahl des Partners und in der eigenen Firmenkultur. In der Auswahl des Partners empfiehlt es sich vor allem auf die komplementären Stärken zu achten. In der eigenen Firmenkultur muss der offene und respektvolle Umgang mit anderen Kulturen fest verankert sein. Nur diese Offenheit kann das Vertrauen schaffen, das langfristig Erfolg sichert.


Dr. Peter Bettermann
Vorsitzender der Japan-Initiative des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft
Berlin
Sprecher der Unternehmensleitung
Freudenberg
Weinheim

Infos
Der Asia-Pazifik-Ausschuss und die Japan-Initiative der deutschen Wirtschaft haben in der Zusammenarbeit mit dem BDI und der IHK einen Leitfaden für deutsche Unternehmen entwickelt. Dieser soll dabei behilflich sein, japanische Partner zu finden. Der Leitfaden ist online unter www.partner-for-innovation.de abrufbar.