Brückenkopf für Nordostasien
Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Korea

Korea und Deutschland haben viele Gemeinsamkeiten: Auf politischer Seite die Erfahrung der Landesteilung, im wirtschaftlichen Bereich eine sehr starke Exportorientierung und einen ständigen Innovationsdruck, um Wachstum und hoch bezahlte Beschäftigung aufrechtzuerhalten. Und: Korea ist drittwichtigster Markt für deutsche Firmen in ganz Asien.

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist Korea die dreizehnt-größte Volkswirtschaft weltweit. Im Jahr 2007 ist das BIP um 4,9 Prozent gewachsen, für 2008 rechnet die Bank of Korea trotz der Ölpreis-entwicklung immer noch mit circa 4,5 Prozent Wachstum. Das Pro-Kopf-Einkommen hat 2007 die Grenze von 20 000 US-Dollar überschritten.

Die koreanische Wirtschaft nimmt bei Produkten wie Schiffen, LCD-Displays, Speicherchips, Stahl und Automobilen internationale Spitzenpositionen ein. In vielen Hochtechnologien – wie beispielsweise Bio- und Nanotechnologie – sind ehrgeizige staatlich unterstützte Forschungs- und Entwicklungs(FuE)-Vorhaben angelaufen, um die koreanische Wirtschaft fit für die Zukunft zu machen.

Die solide Entwicklung wird von den Säulen Export, Investitionen und Konsum getragen. Das Exportvolumen betrug 371,54 Milliarden US-Dollar im Jahr 2007 und ist um über 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Die Anlageinvestitionen wurden im vergangenen Jahr um über 7,6 Prozent gesteigert. Der private Konsum ist 2007 um 4,4 Prozent gestiegen.

Die verkehrstechnische und technologische Infrastruktur ist hervorragend und das Ausbildungsniveau hoch. Der juristische Rahmen bietet Sicherheit für Investoren und verlässlichen Schutz für geistiges Eigentum. Die koreanische Regierung hat vielfältige Anreize für ausländische Direktinvestitionen gesetzt, unter anderem durch den Foreign Investment Promotion Act. Bei Investitionen in über 400 ausgewählten Hightech-Sektoren (sogenannten Advanced Technologies) gibt es attraktive Steuervergünstigungen. Neben den gro-ßen deutschen Unternehmen nutzen viele Mittelständler das Potenzial des koreanischen Marktes, und dies zum Teil seit Jahrzehnten. Für viele Firmen ist Korea aufgrund seiner Standortvorteile und der günstigen geostrategischen Lage ein Brückenkopf für die Erschließung weiterer asiatischer Märkte.

Die Attraktivität deutscher Produkte spiegelt sich in der Handelsbilanz wider. Koreanische Importe aus Deutschland haben 2007 um 19,1 Prozent zugelegt (Wert: 13,5 Milliarden US-Dollar). Die koreanischen Exporte nach Deutschland haben sich mit einem Plus von 14,8 Prozent gleichfalls positiv entwickelt (Wert: 11,5 Milliarden US-Dollar). In diesem Jahr setzt sich der positive Importtrend für deutsche Produkte fort. So sind bereits Ende Juli rund 61 Prozent des Importvolumens vom Vorjahr realisiert worden. Deutsche Firmen haben 2007 für 439 Millionen US-Dollar in Korea investiert. Akkumuliert belaufen sich die deutschen Investitionen bis Juni 2008 auf insgesamt acht Milliarden US-Dollar.

Aufgrund des hohen bilateralen Handelsvolumens würden beide Nationen von einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und Korea profitieren. Beobachter rechnen damit, dass noch in diesem Jahr die Verhandlungen abgeschlossen werden. Damit wäre Korea das einzige asiatische Land, das ein FTA mit der EU hätte. Auch künftig bietet die koreanische Wirtschaft vielfältige Marktchancen, die aus Sicht der AHK Korea in den kommenden Jahren ein attraktives Wachstum versprechen: Beim Digital Opportunity Index, der die digitale Leistungsfähigkeit eines Landes misst, stand Korea 2007 das dritte Mal in Folge auf Platz eins unter 180 Ländern (Quelle: ITU). Bei den Highspeed-Internet-Nutzern liegt Korea weltweit auf Platz drei. Mit seiner hervorragenden IT-Infrastruktur und seinen technikaffinen Nutzern ist Korea ein idealer Platz für Unternehmen, die innovative Hightech-Güter auf den Markt bringen wollen.

In Korea sehen landesweit bereits zehn Millionen Kunden mobil fern und nutzen dafür eine Übertragungstechnologie (DMB Digital Multimedia Broadcasting), die auch den Empfang auf speziellen Handys ermöglicht. Für die europäische Technik DVB-H (Digital Video Broadcasting for Handhelds) wird eine breitflächige Infrastruktur im Jahr 2008 erwartet. Korea ist ebenso bei anderen mobil nutzbaren Übertragungsprotokollen, wie zum Beispiel WiBro oder HSDPA, weltweit Vorreiter.

Wasserstoff-Brennstoffzellen, Fotovoltaik und Windenergie sind von der koreanischen Regierung als besonders förderwürdige Technologien ausgewählt worden. Bei neu erbauten öffentlichen Einrichtungen mit einer Fläche von über 3 000 Quad-ratmetern müssen beispielsweise fünf Prozent der Gesamtbaukosten für die Nutzung von neuen und erneuerbaren Energien investiert werden. Es gibt ein Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien, welches sich an dem deutschen Vorbild orientiert und beispielsweise Einspeisevergütungen festlegt. Deutsche Firmen sind insbesondere im Bereich Solartechnik und bei Teilen für Windenergieanlagen sehr gut im Geschäft.

Korea hat eine der niedrigsten Geburtenraten innerhalb der OECD. Im Jahr 2007 gab es lediglich 1,26 Geburten pro Frau. Im Jahr 2050 werden – wenn dieser Trend anhält – 38,2 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre und älter sein, womit Korea die weltweit am schnellsten alternde Gesellschaft ist. Dieser aus gesellschaftlicher Sicht negative Trend schafft aber gleichzeitig neue Marktchancen, speziell für Pharmaunternehmen, Unternehmen aus den Bereichen Rehacare und Medizintechnik sowie für auf die Zielgruppe angepasste Konsumgüter. Koreaner sind zudem markenbewusster als deutsche Konsumenten. Dieser Trend verspricht gute Geschäfte für Markenartikler. „Made in Germany“ genießt in Korea einen hervorragenden Ruf, ob es sich nun um deutsche Sportartikel oder Haushaltsgeräte handelt. Durch die schon angelaufene Einführung der Fünf-Tage-Woche haben die Koreaner mehr Freizeit als früher und somit mehr Bedarf an freizeitbezogenen Produkten.

Deutsche Kfz-Zulieferer nehmen eine wichtige Position bei den vier führenden koreanischen Fahrzeugherstellern (Hyundai-Kia, GM Daewoo, Renault Samsung und Ssang Yong) ein, und einige produzieren just-in-time vor Ort. Deutsche Maschinenbauer profitieren von den Anlageinvestitionen der boomenden koreanischen Automobilindustrie. Auch für die deutschen Autoproduzenten entwickelt sich der koreanische Markt sehr erfreulich. Import-Pkw haben 2007 einen Marktanteil von knapp 5,13 Prozent erreicht. Der wertmäßige Marktanteil dürfte aufgrund des rund dreifach höheren Durchschnittspreises von Importfahrzeugen im Vergleich zu koreanischen Neuwagen noch wesentlich höher sein. Deutsche Premium-Fahrzeuge dominieren den Importmarkt (Marktanteile 2007: BMW 14,3 Prozent, Mercedes-Benz 10,4 Prozent, Audi 8,9 Prozent und Volkswagen 7,5 Prozent).

Schon heute nutzen viele deutsche Unternehmen die Chancen des koreanischen Marktes. Und auch in Zukunft werden sich für Newcomer attraktive Marktlücken ergeben. Korea stand 2007 als Gastland der Asien-Pazifik-Konferenz im Fokus der deutschen Asienwirtschaft und wird in den kommenden Jahren trotz der aktuellen Wachstumsverlangsamung nichts von seiner grundsätzlichen Attraktivität einbüßen. Korea ist daher aus gutem Grund als Partnerland für die Hannover Messe 2009 ausgewählt worden.


Carsten Lienemann
Director Marketing Research
AHK Korea, Seoul

Kontakt
Die AHK Korea mit Sitz in Seoul ist seit 1981 die erste Adresse für Unternehmen, die am koreanischen Markt interessiert sind. Die Korean-German Chamber of Commerce and Industry hilft beim Ausarbeiten von Marktstudien, der Vermittlung von Business Partnern, der Personalsuche, Repräsentanzgründung und mit vielen anderen Dienstleistungen. Infos online unter www.kgcci.com.

IHK WirtschaftsForum
Oktober 2008