Oft verkannter Markt
Südkorea in der Asienstrategie deutscher Unternehmen

Wenn Konzerne von ihrer Asienstrategie berichten, stehen meist Japan und China im Vordergrund. So gründete auch das Pharma- und Chemieunternehmen Merck seine Niederlassung in Japan bereits 1927 und in China 1933. In Südkorea ist das Darmstädter Familienunternehmen hingegen erst seit 1989 präsent. Lange Zeit ist Südkorea relativ unbemerkt von der Weltöffentlichkeit in einer phänomenalen Geschwindigkeit gewachsen: von einem der ärmsten Länder der Welt in den Sechzigerjahren zu einer der führenden 15 Industrienationen heute – derzeit auf Platz elf.

Die Zahlen sprechen für sich: Knapp 50 Millionen Einwohner Südkoreas erwirtschaften heute ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 970 Milliarden US-Dollar mit einer Wachstumsrate von 4,9 Prozent. Die aufstrebende Wirtschaft glänzt mit einer Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent und ausländischen Direktinves-titionen von über zehn Milliarden Euro. Der Anteil deutscher Direktinvestitionen lag im Durchschnitt seit den Sechzigerjahren bei sechs Prozent.

Was sind die wichtigsten Argumente für eine Investition in Südkorea? Die Wirtschaft des Landes erreicht seit Jahren Wachstumsraten, von denen andere Länder nur träumen können. Bildung steht für die Menschen ganz oben auf der Prioritätenliste, und sie sind auch bereit, dafür selbst Geld in die Hand zu nehmen – sowohl für die Schulbildung der Kinder als auch für die Weiterbildung als Erwachsene. Dazu kommt eine sehr hohe Leistungsbereitschaft der Menschen, die – ähnlich wie in einigen anderen asiatischen Ländern – zur Kultur und Mentalität gehört. Als weitere Pluspunkte lassen sich anführen, dass steuerliche Anreize gegeben werden und die Infrastruktur und Logistik des Landes exzellent sind. Zum Beispiel gehört der Flughafen Incheon zu den drei weltweit führenden nach Cargo-Volumen und zu den zehn größten nach Passagieraufkommen. Der Hafen Busan sichert die Verbindung zu anderen asiatischen Märkten, Japan und den USA.

Beispiellos ist die Affinität der Koreaner zu modernen Technologien: Der Anteil der Internetnutzer an der Bevölkerung ist zusammen mit den USA der höchste weltweit und liegt bei über 60 Prozent. Bei Breitbandanschlüssen hat Südkorea sogar weltweit die Nase vorn. Gleiches gilt beim Anteil der Mobiltelefon-Nutzer. Knapp 80 Prozent der Bevölkerung verfügen über ein Handy, und oft sind die allerneuesten Modelle im Einsatz. Für innovative Produkte ist Südkorea insofern ein idealer Testmarkt, da die Kunden sehr anspruchsvoll sind, jedoch nicht technologiekritisch, wie oft in westlichen Industrienationen. Nicht nur aufgrund dieser Affinität für neue Technologien ist es gerade für Hightech-Unternehmen interessant, in diesem Land zu investieren. Dazu kommt, dass die Regierung innovative Technologien fördert. Der Anteil der Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen am BIP liegt mit 3,2 Prozent sogar einen Prozentpunkt höher als der Durchschnitt der OECD-Nationen. Bereits heute ist Südkorea in einigen Technologien auf dem Weltmarkt führend. Dazu gehören beispielsweise Halbleiter, Displays, Autos und Schiffe. In Zukunft werden die Biotechnologie und die Nanotechnologie an Bedeutung gewinnen.

Mit der Parlamentswahl im April startete Südkorea in eine neue politische Ära. Präsident Lee Mun-Bak, der vom Volk nur „MB“ genannt wird, bekleidet als erster Manager das hochrangige Amt. Sein Programm hat er als 747-Initiative tituliert und dynamische, ehrgeizige Ziele formuliert. Die Wirtschaft soll um durchschnittlich sieben Prozent wachsen, das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung soll sich innerhalb der nächs-ten zehn Jahre auf 40 000 US-Dollar verdoppeln, und Südkorea soll weltweit zur siebtgrößten Industrienation werden. Er steht als Pragmatiker für einen liberalen, industriefreundlichen Kurs und soll die Bürokratie entrümpeln und die Steuern senken. Außenpolitisch sind stärkere Beziehungen zu Japan, China und Nordkorea ebenso anvisiert wie eine bessere Partnerschaft mit der EU und den USA. Den Einfuhrstopp für amerikanisches Rindfleisch aufzuheben, hat Lee in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit Straßenproteste eingebracht. Dabei hat er nicht nur seine Popularität verspielt, sondern auch den Rücktritt der Regierung ausgelöst. Und damit nicht genug: Die Proteste weiten sich aus und gehen über das ursprüngliche Thema hinaus. Wie sich die Situation in den nächsten Monaten weiterentwickelt, ist kaum abzuschätzen.

Natürlich gibt es neben der aktuellen politischen Unsicherheit bei Investitionen in Südkorea auch andere Herausforderungen, einige seien im Folgenden beispielhaft genannt. Für westliche Unternehmen ist es oft schwierig, qualifizierte Arbeitskräfte zu rekrutieren, denn der Koreaner arbeitet klassischerweise lieber bei einem koreanischen Unternehmen. Durch überdurchschnittlich steigende Löhne sind die Personalkosten hoch und stärker gestiegen als die Produktivität. Starke auf Unternehmensebene organisierte Gewerkschaften und ein hoher Grad staatlicher Regulierung sind ins Kalkül zu ziehen.

Ein Kulturschock kann für Ausländer durch die Mentalität ausgelöst werden, die von einer starken Tradition des Konfuzianismus geprägt ist. Auch die in westlichen Unternehmen immer wichtiger werdende Corporate Governance hat hier einen anderen Stellenwert. Fehlverhalten in diesem Bereich werden nicht so kritisch gesehen. Und ganz aktuell ist noch die Talfahrt der koreanischen Währung Won zu erwähnen, die in den vergangenen Monaten sogar gegenüber dem Dollar verloren hat und den Vize-Finanzminister den Job gekostet hat.

Das Engagement des Pharma- und Chemieunternehmens Merck in Südkorea ist noch vergleichsweise jung. 1989 wurde die erste Gesellschaft gegründet. In Südkorea entstand zunächst ein Anwendungslabor für Flüssigkristalle – die Chemie, die in jedem flachen Display steckt und für die das Darmstädter Unternehmen Weltmarktführer ist. Ein entscheidender Faktor für diesen Erfolg ist die Nähe von Merck zu seinen Kunden, in diesem Fall zu den führenden Displayherstellern Südkoreas, wie Samsung und LG Display, um nur die beiden größten zu nennen. Um die individuellen Kundenbedürfnisse schnell und qualitativ hochwertig befriedigen zu können, baute Merck auch eine Produktion für Flüssigkris-tallmischungen auf. Die meistens in Darmstadt gefertigten Einzelsubstanzen können so in direktem Kontakt mit den Kunden zu individuellen Mischungen verarbeitet werden.

Auch wenn das Flüssigkristallgeschäft einer der Hauptpfeiler von Mercks Koreageschäft war und ist, kamen sukzessive andere Geschäftsfelder hinzu. Ab 2001 baute Merck auch eine Organisation zum Vertrieb seiner rezeptpflichtigen Medikamente auf. Merck ist überzeugt von seinem Engagement in Südkorea und investiert derzeit in ein neues Forschungszentrum für Flüssigkris-talle. Das Unternehmen profitiert dabei nicht nur von der Kundennähe, sondern auch von einer klaren Ausrichtung auf Hochtechnologie. Dazu kommen eine gute Infrastruktur in Poseung in der Nähe von Seoul und hoch qualifizierte Mitarbeiter.

Generell ist eine Investition in Südkorea für Unternehmen interessant, die zum einen innovative Technologien entwickeln und zum anderen nah an ihren Kunden der verschiedenen Branchen arbeiten wollen, in denen die dortige Wirtschaft führend ist. Der politische Neuaufbruch hatte wichtige Ziele, die Investoren anlocken sollten: Entbürokratisierung, kons-tantere Gesetzgebung, Beseitigung von Handelshemmnissen und inves-titionsfreundlichere Positionierung der Gewerkschaften. Südkorea ist ein Land zum Investieren. Durch die aktuelle Krise verliert es derzeit aber an Glaubwürdigkeit und verprellt ausländische Investoren.    


Dr. Bernd Reckmann
Mitglied der Geschäftsleitung
Merck
Darmstadt und Vorsitzender des deutschkoreanischen Wirtschaftskreises

IHK WirtschaftsForum
Oktober 2008