Russland
Reformen dringend geboten

Zum Jahresende blickte die Mehrzahl der deutschen Unternehmen, die in Russland engagiert sind, wieder optimistischer in die Zukunft. Dies ergab eine gemeinsame Umfrage der AHK und des Ostausschusses.

Danach erwarten 57 Prozent der befragten Unternehmen für 2010 eine bessere wirtschaftliche Entwicklung, rund die Hälfte plant Neueinstellungen in Russland. Die stärkste Dynamik erwarten die Unternehmen in der traditionell dominierenden Rohstoff- und Energiebranche, gefolgt von der Logistik, der Landwirtschaft und dem Einzelhandel. Gute Geschäftsmöglichkeiten bieten nach Einschätzung der AHK auch die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi.

Deutsche Unternehmen, die sich an den Ausschreibungen zu den Aufträgen beteiligen möchten, haben sich unter dem Dach der AHK in einer Arbeitsgruppe zusammengeschlossen. Durch das gemeinsame Erstellen von Angebotspakten mehrerer Unternehmen sollen die Erfolgsaussichten deutscher Unternehmen deutlich verbessert werden. Dazu wird fortlaufend ein Katalog deutscher Firmen erstellt, der die jeweiligen Leistungen und Portfolien der Firmen abbildet und direkt an Olimpstroi (einzige Vergabestelle) weitergeleitet wird. Außerdem wurden Kompetenzteams zu den Themen Finanzierung und Investitionen, Bau und Immobilien, Recht, Ausbildung, Energie und Versorgung, Tourismus sowie Transport und Logistik gegründet.

Noch ausbaufähig ist die deutsch-russische Zusammenarbeit in der Gesundheitsbranche. Auch hier hat die AHK eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um deutsche Unternehmen beim Markteinstieg zu unterstützen und deutsches Know-how zu bündeln. Das russische Gesundheitswesen bietet deutschen Unternehmen ein gigantisches Potenzial. Es gibt rund 7 500 Krankenhäuser, deren Ausstattung noch weit von westlichen Standards entfernt ist. Moderne Behandlungsmethoden und gut ausgebildetes Personal für zahlungskräftige Patienten bieten die rund 150 Privatkliniken. Die russische Regierung will das Niveau der Versorgung deutlich anheben. Da im Land selbst wenig Medizintechnik hergestellt wird, sind die Absatzchancen für deutsche Unternehmen gut. Langwierig und teuer sind allerdings die Genehmigungsprozesse. Der Markteinstieg lohnt sich daher nur bei regelmäßigen Lieferungen mit einem entsprechenden Volumen.

Aufwendige Produktzertifizierungen
Die Wirtschaftskrise hat deutschen Unternehmen herbe Umsatzrückgänge beschert, die auch noch in diesem Jahr spürbar sind. Eine der wenigen positiven Nebenwirkungen ist, dass sich derzeit die Mietpreise für private und gewerbliche Immobilien auf einem realistischeren Niveau bewegen als vor dem Einbruch. Ähnliches gilt auch für die Lohnentwicklung.

Noch keine Erleichterung ist bei den aufwendigen Produktzertifizierungen in Sicht, die für einen großen Teil der deutschen Exporte erforderlich sind. Ursprünglich war vorgesehen, dass die derzeit existierenden Gost-Standards, mehrere Zehntausend an der Zahl, durch rund 40 technische Reglements ersetzt werden sollten. Die Hersteller hätten das Recht erhalten, ihre eigenen Standards zu entwickeln. Die technischen Reglements sollten in Form von Bundesgesetzen, als vom Präsidenten bestätigte Verordnungen oder Regierungsanordnungen anerkannt werden. Die schleppende Umsetzung der Gesetzesbestimmungen sowie das komplizierte Verfahren bei der Abstimmung der Entwürfe führten dazu, dass bis Ende 2009 nur elf technische Reglements angenommen wurden.

In der Praxis bedeutet dies, dass deutsche Exporteure auf absehbare Zeit mit den kosten- und zeitintensiven Gost-Verfahren weiterarbeiten müssen. Ende 2009 hat ein Gesetzentwurf die Duma passiert, der die weitreichende Reformierung der technischen Reglements und eine Harmonisierung mit europäischen Standards vorsieht. So soll der Reformprozess beschleunigt und effizienter werden. Damit soll unter anderem die Übernahme technischer Regulierungen aus anderen Staaten erleichtert werden – in erster Linie aus Staaten der Europäischen Union und den Mitgliedsstaaten der Zollunion zwischen Russland, Weißrussland und Kasachstan.

Die Zollunion zwischen den drei GUS-Ländern ist zum 1. Januar 2010 in Kraft getreten. Diese ist aus deutscher Sicht vor allem deshalb problematisch, weil sie den Beitritt Russlands zur WTO auf unabsehbare Frist verschiebt. Ohne WTO-Mitgliedschaft wiederum müssen sich deutsche Exporteure und Importeure weiterhin auf eine wenig berechenbare russische Zollpolitik einstellen. Nicht nur mit hohen Importzöllen beispielsweise auf Autos oder Landmaschinen, sondern auch mit Exportzöllen auf Rohstoffe wie Stahl oder Holz versucht die russische Regierung, die Verarbeitungstiefe im eigenen Land zu erhöhen. Wie erfolgreich diese Maßnahmen aus russischer Sicht sind, sei dahingestellt. Für ausländische Handelspartner stellen sie ein gravierendes Problem dar. Selbst wenn Hersteller bereit sind, in Russland eine Produktion aufzubauen, haben sie größte Probleme, entsprechende Zulieferer aufzubauen beziehungsweise die Fachkräfte für die eigene Produktion zu finden.

    
Autoren:

Monika Goldbach
IHK Frankfurt am Main
International

Jens Böhlmann
Referent des Landes Hessen
Deutsch-Russische Auslandshandelskammer
Moskau


Kontakt:

Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK) steht hessischen Unternehmen zu allen Fragen des Russlandgeschäftes als Ansprechpartner zur Verfügung.

Jens Böhlmann

Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer hat in Zusammenarbeit mit Knight Frank den ersten Mietspiegel für Moskau und die Region Moskau erstellt. Dieser ist online abrufbar unter http://russland.ahk.de.
Den Sotschi-Desk der AHK leitet
Anna Metzler

IHK WirtschaftsForum
März 2010