Finanzwirtschaft: Geldpolitik gelockert
Das zu weit gefächerte Bankensystem Russlands erweist sich gerade in der Wirtschaftskrise als wunder Punkt. Die Regierung bemüht sich deshalb, den Bankensektor zu stabilisieren.

Die gegenwärtige Krise offenbart die Stärken und Schwächen der russischen Wirtschaft. Positiv zu Buche schlagen eine niedrige öffentliche Verschuldung, die soliden Staatsfinanzen und das wirtschaftliche Polster, mit dem die Konjunkturpakete finanziert werden. Schwachstellen sind der geringe Diversifizierungsgrad der Wirtschaft, die Rohstoffabhängigkeit und das zu weit aufgefächerte Bankensystem.

Es gibt in Russland etwa 1100 Banken. „Im Allgemeinen spricht man aber eher von den Top 100. Alle staatlichen Banken sind ohnehin systemrelevant“, sagt Carl-Hans Schlue, Repräsentant der staatlichen Bank of Moscow in Frankfurt. Das Problem für Russlands Banken seien nicht die toxischen Papiere, vielmehr habe sich durch die Wirtschaftskrise das Kreditportfolio verschlechtert. „Der neu entstandene russische Mittelstand und die Privatkundenkredite sind vor allem von der Abwertung des Rubels betroffen“, fügt er hinzu. Importe, beispielsweise von Maschinen, in Dollar oder Schweizer Franken, würden teurer.

Die makroökonomischen Auswirkungen der Krise sind stark: Das Bruttoinlandsprodukt ist um etwa fünf Prozent eingebrochen, die Inflationsrate steht bei 12 bis 13 Prozent, die Arbeitslosenquote bei zehn Prozent plus Dunkelziffer. Der Rubel wurde fast um 30 Prozent abgewertet. Dennoch: „Ihren Höhepunkt hatten die Anti-Krisen-Maßnahmen im Herbst vergangenen Jahres”, sagt Wladimir Dmitrijew, Vorsitzender der staatlichen Körperschaft Bank für Entwicklung und Außenwirtschaft Vnesheconombank (VEB) in einem Interview mit der Zeitung Kommersant.

Seit Oktober 2008 stärkt die Vnesheconombank im Auftrag der Regierung die Wirtschaft des Landes mit einem umfassenden Hilfspaket. Die Bank unterstützt russische Unternehmen beim Bedienen ihrer Auslandsschulden, übernimmt Zwischenfinanzierungen für ausstehende Kredite und gewährt kleinen und mittleren Unternehmen Finanzspritzen. Außerdem wurden durch die Vnesheconombank kleinere und mittlere Geschäftsbanken wie die Swas- und die Globexbank übernommen.

Um die russische Börse zu stützen, wurden über die Vnesheconombank bisher insgesamt etwa 3,9 Milliarden Euro ausgegeben, die aus dem Nationalfonds stammen.

Förderung europäischer Ausfuhren nach Russland
Im vergangenen Jahr hat der russische Staat kleinen und mittleren Unternehmen durch 70 regionale Banken etwa 210 Millionen Euro zu einem Zinssatz von 16 bis 17 Prozent bereitgestellt. In diesem Jahr will der Staat mithilfe von 130 Banken circa 700 Millionen Euro zum selben Zinssatz zur Verfügung stellen. Von dem 37-Milliarden-Euro-Fonds für die Auslandsschulden russischer Firmen wurden etwa sieben Millionen Euro als Unterstützung für eine Geschäftsbank und neun Firmen abgerufen. Insgesamt sieht die Vnesheconombank Mittel in Höhe von 10,5 Milliarden Euro zur Stützung von russischen Banken für das Jahr 2009 vor. Davon erhielt die WTB-Bank bereits 5,8 Milliarden Euro, die Rosselchozbank 735 Millionen Euro und die Alfa-Bank zusammen mit der Nomos-Bank und der Chanty-Mansi-Bank insgesamt etwa 745 Millionen Euro.
Für weitere neun Banken wird die Bereitstellung von Liquiditätsmitteln in Höhe von etwa 232 Millionen Euro diskutiert.

„Russland tut viel, um den Bankensektor zu stabilisieren“, analysiert Per Fischer, Head of Financial Institutions der Commerzbank, „das deutsch-russische Handelsvolumen ist dennoch um etwa 35 Prozent zurückgegangen.“ Davon seien sowohl der Maschinen- und Anlagenbau, das Kfz- und Transportwesen und der Konsumgüterbereich betroffen. In dieser Situation komme Euler-Hermes eine besondere Rolle zu. Die Euler-Hermes Kreditversicherung, die im Auftrag der Bundesregierung die staatlichen Exportgarantien bearbeitet, leistet im Russlandgeschäft einen wichtigen Beitrag. „Ohne Exportkreditgarantien gibt es im Augenblick keine langfristige Finanzierung teurer Investitionsgüter“, sagt Hans Janus, Vorstandsmitglied der Euler-Hermes Kreditversicherung. Der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft spricht gar von Aufträgen in Höhe von 2,5 Milliarden Euro, die ins Stocken geraten sind.

Auch auf hoher politischer Ebene, etwa im April beim Moskaubesuch des Bundeswirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg, war der rückläufige bilaterale Handel ein Thema. Zu seiner Unterstützung hat die staatliche KfW Ipex-Bank mit der VEB Mitte Juli eine Rahmenvereinbarung über 500 Millionen Euro unterzeichnet. Damit sollen in den kommenden zwei Jahren deutsche und europäische Exporte in die Russische Föderation gefördert werden. Ausfuhren, die über Hermes abgedeckt sind, können über die VEB finanziert werden, die sich wiederum über den Rahmenkredit der KfW Ipex-Bank kapitalisiert.

Gute Prognosen für zweite Jahreshälfte
„Obwohl die russische Bevölkerung von September bis Dezember 2008 insgesamt umgerechnet etwa 2,6 Milliarden Euro von den Banken abgezogen hat“, sagt Alexander Romanow, Leiter der Repräsentanz der Vnesheconombank in Frankfurt, „hat sich inzwischen die Situation stabilisiert. Es wird wieder Geld eingezahlt, da das Vertrauen der Bevölkerung zum heimatlichen Bankensystem wieder aufgebaut wurde.”

Nach dreimaligem Überarbeiten geht das russische Staatsbudget für 2009 nunmehr von einem Ölpreis von 41 Dollar pro Barrel als Berechnungsgrundlage für die zu erwartenden Einnahmen und Ausgaben aus, was aus heutiger Sicht ausreichend konservativ zu nennen ist. Auch die Kapitalflucht aus Russland scheint nach Angaben der Zentralbank in jüngster Zeit wieder abzunehmen. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 95 Milliarden Euro aus Russland ausgeführt.

Waren es im Januar 2009 noch 21 Milliarden Euro, so wurden im April nur noch etwa 1,4 Milliarden Euro abgezogen.

Für das zweite Halbjahr 2009 gehen einige Analysten sogar von einer Belebung der Konjunktur aus, die durch die höheren Ölpreise, den stabilen Rubel, die staatlichen Stützungsmaßnahmen sowie die Lockerung der Geldpolitik gefördert werde. Russlands Fremdwährungsreserven haben sich nach Angaben der Internetzeitung gazeta.ru im Mai 2009 wieder leicht erhöht – auf 290 Milliarden Euro. Und das, obwohl der Staat von August 2008 bis März 2009 für Finanzhilfen rund 160 Milliarden Euro ausgegeben hat. „Möglicherweise kommen stärker staatsgelenkte Wirtschaften schneller aus der Krise heraus“, meint Schlue.

    
Konstantin Dallibor
Freier Journalist
Frankfurt am  Main

IHK WirtschaftsForum
November 2009