Handelspartnerschaft: „Eine starke Brücke“

Ein Gespräch mit Hessens Wirtschaftsminister Dieter Posch über die hessisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Das Land Hessen unterstützt kleine und mittelständische Unternehmen beim Markteintritt.


Herr Minister Posch, wie bewerten Sie die wirtschaftlichen Potenziale in Russland?


Russland ist Hessens wichtigster Handelspartner im osteuropäischen Wirtschaftsraum. Diese Spitzenposition konnte die Russische Föderation in den vergangenen Jahren deutlich ausbauen. Auch wenn in der Statistik des Jahres 2008 erste Anzeichen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise deutlich werden, konnte im Vorjahr erneut ein starker Zuwachs in der Einfuhr nach Hessen aus Russland wie in der Ausfuhr in die russischen Märkte erzielt werden. Deshalb hat mich meine erste Delegationsreise nach der erneuten Ernennung zum Wirtschaftsminister konsequenterweise nach Moskau geführt.


Wie wirkt sich die internationale Finanzkrise auf die Entwicklung von Handel und Investitionen aus?


Hessens wirtschaftliche Stärke beruht auf leistungsfähigen Unternehmen, einer hervorragenden Infrastruktur und der Internationalität, die unser Land auszeichnet. Davon profitiert Hessen in Zeiten des Wachstums, das hat erhebliche Auswirkungen in Krisenzeiten, das bietet Vorteile, wenn die Weltkonjunktur wieder anzieht. Wir werden in diesem Jahr das Rekordniveau der hessischen Ausfuhr aus dem Vorjahr nicht erreichen, aber der DIHK prognostiziert für 2010 wieder ein Exportwachstum. Und Russland bleibt mit seinen Rohstoffschätzen und seinem Bedarf an innovationsstarken Technologieprodukten ein vorrangiger Partner der hessischen Außenwirtschaft.


Sie betrachten die Entwicklung demnach optimistisch?


Na klar. Es spricht vieles dafür, dass die hessisch-russischen Wirtschaftsbeziehungen wieder von Wachstum geprägt werden. Dafür sorgen die Branchenschwerpunkte des gemeinsamen Handels. Hessen bezieht aus Russland vor allem Rohstoffe sowie Eisen- und Metallwaren, unser Bundesland liefert im Gegenzug vor allem Chemie- und Pharmaprodukte, Maschinen und elektrotechnische Erzeugnisse. Diese engen Wirtschaftsverbindungen nutzen unsere Unternehmen in Hessen, und dies ist von Vorteil für ihre Partner in Russland.


Welche Vorteile bietet Hessen für Unternehmen, die ihr Russlandgeschäft ausweiten wollen?


Mit dem Flughafen Frankfurt, der wöchentlich 80 Flugverbindungen allein in Russlands Hauptstadt bietet, haben wir eine starke Brücke in das Zentrum der russischen Märkte. Dies nutzen auch russische Unternehmen für die Ausweitung ihrer geschäftlichen Verbindungen nach Westeuropa. Und das hessische Wirtschaftsministerium unterstützt hessische wie russische Unternehmen, die diese Drehscheibe nutzen.


Gibt es in Russland regionale Präferenzen?


In unserer außenwirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der Russischen Föderation hat Hessen sich für regionale Schwerpunkte entschieden. Dies sind die Stadt und die Oblast Moskau. Dort werden die wichtigen wirtschaftlichen, politischen und administrativen Entscheidungen für Russland getroffen, dort schlägt das wirtschaftliche Herz Russlands.


Welche Branchenschwerpunkte sehen Sie?


In unseren Kooperationen stehen bislang die Bereiche Bauwirtschaft, Stadtentwicklung und Umwelttechnik im Mittelpunkt. Unser gemeinsames Bemühen mit den Partnern in der Wirtschaft hat erfreulicherweise zu direkten Geschäftsverbindungen zwischen hessischen Unternehmen und Partnern in Moskau und in der gesamten Hauptstadtregion geführt.


Gerade viele mittelständische Unternehmen haben von diesen Markterschließungshilfen profitiert.


Frankfurt ist Finanzplatz Nummer eins in Deutschland. Wirkt sich das auch auf die Finanzindustrie aus?


Wir haben im vergangenen Jahr unsere Zusammenarbeit um den Branchenfokus Finanzdienstleistungen erweitert. Die russische Hauptstadt ist nicht nur ein nationales Finanzzentrum, sondern auch eine Drehscheibe internationaler Finanzdienstleistungen. Die Profilierung Hessens mit Frankfurt als europäischem Handels- und Finanzzentrum wollen wir auf dem russischen Markt verstärken. Ich bin überzeugt, dass die Finanzmarktkooperation auch in Krisenzeiten für die hessischen und die russischen Partner viele Vorteile bietet. Die Initiative Frankfurt Main Finance koordiniert diese Aktivitäten mit den Partnern in Moskau.


Wer bietet kleinen und mittleren Unternehmen aus Hessen Unterstützung beim Markteintritt in Russland?


Für mittelständische Unternehmen können wir in Moskau einen kompetenten und zuverlässigen Partner beim Markteintritt anbieten. Unser Repräsentant, Michael Harms, der zugleich die deutsche Auslandshandelskammer leitet, bietet die erforderliche Hilfe beim Aufbau von Geschäftskontakten. Und dort, wo im Zuge der außenwirtschaftlichen Beratung Kosten entstehen, können hessische Unternehmen des Mittelstands die Förderung der Außenwirtschaftsberatung durch das Wirtschaftsministerium nutzen.


Welche Aufgabe haben hessische Wirtschaftstage in Moskau?


Wir haben dieses Forum, das Unternehmer aus Hessen mit den Partnern in Moskau zusammenführt, im Juni dieses Jahres zum vierten Mal in der russischen Hauptstadt veranstaltet. Ich halte hier Kontinuität für ganz wichtig, denn sie begründet das gegenseitige Vertrauensverhältnis. Gemeinsam mit den Unternehmen werben wir dafür, die großen Chancen zu nutzen, die die deutsch-russische Zusammenarbeit bietet. Das ist keine Einbahnstraße. Wir erwarten in Kürze den Gegenbesuch der Moskauer Delegation. Am 8. Dezember wird Bürgermeister Juri Rosljak in Wiesbaden die „3. Wirtschaftstage der Stadt Moskau in Hessen“ eröffnen, und erneut wird die Vermittlung von direkten Geschäftskontakten im Mittelpunkt dieser Veranstaltung stehen.


Sie setzen folglich einen klaren Schwerpunkt auf die Ausweitung der wirtschaftlichen Beziehungen?


Sicher. Aber auch kulturelle Verbindungen mit Russland haben in Hessen Tradition. Die als Grabkirche errichtete russisch-orthodoxe Kirche in Wiesbaden gilt als bedeutendstes Bauwerk seiner Art in Westeuropa. Große Werke russischer Künstler gehen auf Aufenthalte in Hessen zurück, wie beispielsweise Turgenjews „Frühlingswogen“ und Dostojewskijs „Der Spieler“. Der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Schriftsteller Boris Pasternak studierte an der Philipps-Universität in Marburg.


In Frankfurt lädt das Ikonenmuseum mit über 1 000 Sammlungsstücken Besucher ein. Und der expressionistische Maler Alexej von Jawlenskij lebte 19 Jahre in Hessen, das Landesmuseum in Wiesbaden besitzt heute die bedeutendste Sammlung seiner Werke. Das alles hat Menschen zusammengeführt und dient heute der Begegnung, dem Austausch und der kulturellen Bereicherung. Und damit wird zugleich das Fundament für Wirtschaft, Handel und Investitionen weiter gefestigt.  



Interview:

Dr. Jürgen Ratzinger 

Geschäftsführer
IHK Frankfurt am Main

International



Round Table St. Petersburg

Montag, 7. Dezember, 15.30 bis 17.30 Uhr, IHK Frankfurt am Main

Referenten aus St. Petersburg und aus Deutschland berichten zur aktuellen Wirtschaftslage in St. Petersburg und der russischen Nord-West-Region.

Weitere Themenschwerpunkte sind Personalmarkt und Personalsuche sowie rechtliche Rahmenbedingungen für den Vertrieb und die Firmengründung. Zwei hessische Unternehmensvertreter berichten über ihre Erfahrungen.

Die Teilnahme kostet 45 Euro.


Erfolgreicher Geschäftseinstieg in Russland

Dienstag, 9. Februar, 9.30 bis 17 Uhr, IHK Frankfurt am Main

Russland ist der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt in Osteuropa. Was müssen Unternehmer beim Geschäftsaufbau beachten?

Wie kommuniziert man erfolgreich mit potenziellen Geschäftspartner und auf welche Mentalitätsunterschiede muss man sich einstellen? Diese und viele andere Fragen werden in dem Tagesseminar behandelt.
Die Teilnahme kostet 170 Euro.


Infos und Anmeldung: 

IHK Frankfurt am Main

International

Monika Goldbach


IHK WirtschaftsForum
November 2009