Personalmarketing: Ressourcen rechtzeitig sichern

Der Run auf hoch qualifizierte Bewerber ist in Russland groß. Personalentscheidungen sollten daher rasch getroffen werden – ansonsten könnte der Bewerber sich zwischenzeitlich für einen anderen Arbeitgeber entschieden haben.

Russland gehört weiterhin zu den Zukunftsmärkten für deutsche Unternehmen, die Investitionen in Osteuropa planen. Trotz der raschen und erfolgreichen Erschließung der Ostmärkte bleibt den Unternehmen jedoch keine Zeit, sich auf ihren Erfolgsgeschichten auszuruhen und an in der Vergangenheit bewährten Erfolgsrezepten festzuhalten. Denn es ist nicht nur der erste Ansturm vorbei, sondern auch die Phase der Marktentwicklung in vielen Regionen bereits abgeschlossen.

Der russische Markt ist allerdings weiterhin chancenreich. Unternehmen, die nach Osteuropa expandieren, sehen das Land nämlich nicht nur als Produktionsstätte, sondern als potenten Absatzmarkt. Die Zeiten, in denen Unternehmen nur billige Arbeitskräfte ausgelagert haben, sind vorbei. Neben der Suche nach neuen Geschäftsfeldern und lohnenden Investitionen bedarf es daher bei der Expansion nach und in Russland einer profunden Analyse der sich ständig ändernden Situation.

Neue Strategien sind zu entwickeln, um auf diesem Markt erfolgreich zu bestehen. Dabei spielt die Suche nach geeignetem Personal eine entscheidende Schlüsselrolle.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Erfolg ist heute der sorgfältige Einsatz des Personals und damit die Sicherung der Personalressourcen. Denn das Bemühen um hoch qualifizierte Mitarbeiter mit den notwendigen Sprachkenntnissen und Erfahrung in internationalem Umfeld ist weiterhin in vollem Gange, obwohl derzeit eine Zunahme an Fachkräften auf dem offenen Arbeitsmarkt zu verzeichnen ist. War qualifiziertes Personal noch vor einigen Monaten schwer auf dem offenen Arbeitsmarkt zu finden, hat sich die Lage zwischenzeitlich verbessert. Mittlerweile ist in Russland eine signifikante Zunahme sowohl an Facharbeitern als auch an Professionals und Bewerbern auf der Managementebene zu verzeichnen. Diese Zunahme an Fachkräften bietet große Chancen für international tätige Unternehmen, die sich trotz oder gerade wegen der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzsituation verändern wollen. Denn damit steht hoch qualifiziertes, gut ausgebildetes und interkulturell versiertes Personal zur Verfügung.

Professionelles Personalmarketing notwendig
In den vergangenen Jahren sind die Personalkosten in Russland stark gestiegen. Obwohl die monatlichen Durchschnittsgehälter noch weit unter dem deutschen Niveau liegen, kommen diese Unterschiede bei Fachkräften in weitaus geringerem Umfang zum Tragen. Managementgehälter liegen teilweise sogar über westlichem Niveau, weil geeignetes Führungspersonal rar ist. Doch allein das Gehalt ist nicht ausschlaggebend. Der Run auf gute Bewerber ist trotz einer sich abzeichnenden krisenbedingten Entspannung weiterhin groß. Dementsprechend müssen potenzielle Arbeitgeber ihre Entscheidungen rasch treffen. Wird dem guten Bewerber nicht beim ersten Bewerbungsgespräch ein Vertrag vorgelegt, ist er vielleicht bis zum zweiten Termin schon von einem anderen Unternehmen eingestellt worden.

Die Lösung kann nicht darin liegen, die eigene Attraktivität als Arbeitgeber in Russland allein über die Bezahlung darzustellen. Das reicht weder im Bereich Neueinstellungen noch zur Vermeidung von Abwanderungen aus dem Unternehmen. Auch ein westliches Unternehmen zu sein, genügt nicht, um qualifizierte Kräfte in Russland anzuziehen und zu binden. Hingegen hilft professionelles Personalmarketing dabei, sich als deutsches beziehungsweise westliches Unternehmen in Russland erfolgreich zu positionieren. Es schafft die richtigen Voraussetzungen, um langfristig das Unternehmen mit qualifizierten und motivierten Mitarbeitern zu versorgen.

Deutsche Unternehmen sollten zunächst einmal ihr Image im Vergleich zu ihren Wettbewerbern überprüfen – denn welcher vorhandene oder potenzielle Mitarbeiter arbeitet nicht gerne für ein Unternehmen, dessen Leitbild in der Branche als positiv bewertet wird, Stichwort „Identifikation mit dem Arbeitgeber“. Detaillierte Informationen über die zu besetzende Stelle, die Unternehmenskultur und Entwicklungsmöglichkeiten sind entscheidende Faktoren für Bewerber bei der Auswahl eines Arbeitsplatzes. Dabei sollte die Karriereplanung des Bewerbers gleich zu Beginn der Arbeitsbeziehung besprochen werden. Denn die Möglichkeit einer attraktiven Karriere innerhalb des Unternehmens ist ein entscheidender Motivationsfaktor zur langfristigen Personalbindung, unterstützt durch attraktive Fortbildungsmöglichkeiten.

Möglichkeit von Auslandseinsatzen einräumen
Ein wichtiger Punkt ist an dieser Stelle ebenfalls die Option einer beruflichen Tätigkeit im internationalen Umfeld. Denn gerade für hoch qualifizierte Mitarbeiter aus Russland haben Auslandserfahrungen im Rahmen der Karriereplanung einen hohen Stellenwert. Das entsprechende Gehalt, Leistungsanreize (zum Beispiel Boni) und Erfolgsbeteiligungen sowie zusätzliche soziale Leistungen (zum Beispiel Altersfürsorgeverträge) sind weitere wichtige Faktoren für ein erfolgreiches Personalmarketing deutscher Unternehmen in Russland. Gerade angesichts der aktuellen Wirtschafts- und Finanzsituation rückt damit die richtige Positionierung ins Blickfeld. So steigt in Zeiten der Diskontinuität und des radikalen Wertewandels die Bedeutung der optimalen Humanressourcen als Stabilisator für Unternehmen entscheidend: Es muss Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass eine Organisation nur durch ihre Mitarbeiter lebt und wachsen kann.

Im vergangenen Jahr setzte sich die Erhöhung der Nominal- und Reallöhne in Russland fort. So stiegen die Reallöhne im Vergleich zum Vorjahr um 7,8 Prozent. Unternehmen in Russland spüren verstärkt die massive Steigerung der Personalkosten, was vor allem in den Großstädten wie Moskau und St. Petersburg sowie den angrenzenden Ballungsräumen sichtbar wird.

Die Arbeitslosenquote in Russland liegt bei 8,5 Prozent (Ende März 2009) nach ILO-Standard. Sie ist jedoch regional sehr unterschiedlich verteilt. Von den 142 Millionen Einwohnern sind 74 Millionen im erwerbsfähigen Alter. 67,2 Millionen sind davon unselbstständig Erwerbstätige. Das durchschnittliche Gehaltsniveau liegt bei 471 Euro im Monat und damit 12,5 Prozent über dem Vorjahresniveau. Dennoch leben circa 22 Millionen Menschen unter dem Mindesteinkommen. Die Gehälter haben sich branchenspezifisch und regional sehr unterschiedlich entwickelt. Die höchsten Gehälter werden in exportorientierten Rohstoffunternehmen, in oligarchischen Holdings, in Produktionsunternehmen für Massenwaren und in Telekommunikationsunternehmen bezahlt. Die niedrigsten in der Landwirtschaft, im Bildungs- und im Gesundheitswesen.

Besonderer Arbeitsmarkt in Moskau
Die Unterschiede zwischen nationalen und internationalen Firmen verschwinden zusehends. Die Ballungsgebiete von Moskau und St. Petersburg liegen 100 bis 150 Prozent über allen anderen Regionen. Der Arbeitsmarkt in Moskau ist eine besondere Welt. Von den 10,4 Millionen Einwohnern sind 6,3 Millionen erwerbstätig, 38 Prozent haben eine Hochschulbildung. 2 500 Vertretungen ausländischer Firmen und mehr als 7 500 Unternehmen mit ausländischem Kapital bereichern das Geschäftsleben dieser Stadt. Das derzeitige Ausbildungssystem beruht auf einem elfjährigen Schulsystem und einer fünf- bis sechsjährigen Laufbahn zur Erlangung eines Universitätsdiploms. Russland verfügt über 1 000 staatliche und private Hochschulen und Universitäten mit jährlich rund 7,5 Millionen Studenten. Pro Jahr absolvieren etwa 4 000 Studenten MBA-Programme.

Im Ergebnis wird sich jedes deutsche Unternehmen, das auch 2009 in Russland weiterhin erfolgreich sein will oder plant, neu in diesen Markt zu expandieren, den sich ständig ändernden Bedingungen auf dem Personalmarkt anpassen müssen. Professionelle Beratung vor Ort kann verhindern, dass die ökonomischen Ziele an falschen Vorstellungen über den russischen Arbeitsmarkt scheitern. Unternehmen müssen mit ihrer Personalpolitik up to date sein, um in einer sich mit hoher Dynamik entwickelnden Wirtschaft und Gesellschaft erfolgreich sein zu können.     


Carola Scheffel
Managing Partner
Hill International
Wiesbaden

IHK WirtschaftsForum
November 2009