Russische Unternehmen in Deutschland: Deutsche Bürokratie ist keine Hürde

Für die Rohstoffkonzerne können gleich mehrere Gründe genannt werden, sich hierzulande niederzulassen: Erstens ist Deutschland mit über 80 Millionen Menschen ein großer Markt, der quasi vor der Haustüre liegt. Zweitens genießen die deutschen Unternehmen einen guten Ruf und sind technologisch immer noch auf dem neuesten Stand. Und drittens bewegen sich die Aktienkurse – weltweit gesehen – auf unterem Niveau.

Bei den kleineren und mittelständischen russischen Unternehmen, die nach Deutschland expandieren, muss genauer hingeschaut werden: Bei ihnen ist der Aufbau einer Infrastruktur in Deutschland die Basis, um von hier aus ihre internationalen Beziehungen auszubauen. Russische Unternehmer können durch die vielen international agierenden Anwaltskanzleien, Förderungsgesellschaften oder durch direkte Bekanntschaften effektiver an die gewünschten Informationen oder Partner kommen.

Die Eröffnung des Generalkonsulats der Russischen Föderation im Januar 2008 in Frankfurt gab einen weiteren positiven Impuls. Das Zusammenspiel zwischen der IHK Frankfurt, der Wirtschaftsförderung, dem Generalkonsulat und der Handels- und Industriekammer Russlands schafft Bedingungen für einen optimalen Markteinstieg der Unternehmen.

Mit der Eröffnung einer Repräsentanz der Sberbank, mit über 250 Millionen Privatkunden das größte Geldhaus Osteuropas, in Frankfurt, sind nun die vier größten Banken Russlands allesamt in der Mainmetropole vertreten.

Aber auch zahlreiche mittelständische Unternehmen haben den Schritt gewagt. Die Uhrenmanufaktur Alexander Shorokhoff in Alzenau, die derzeit ihre neue Kollektion auf den Markt bringt, oder das Planungsbüro für Industrieautomatik ToxSoft, Frankfurt, das mit TetraPak zusammenarbeitet, sind Beispiele dafür. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit entstehen in diesen russischen Unternehmen oder Repräsentanzen auch neue Arbeitsplätze.

Kooperation mit deutschen Unternehmen gefragt
Die Unternehmen tasten sich ganz langsam auf das für sie zuvor unbekannte Terrain vor. Das Geschäft im Ausland scheint für viele noch unrealistisch. Andererseits ermutigen die ersten Erfolge der Pioniere auch andere Unternehmen zum Handeln. Nach dem Markteintritt eines der größten Honighersteller in Russland – Bashkir Bee Honey  – bekam die Repräsentanz der Handels- und Industriekammer nach nur wenigen Wochen eine Erstanfrage zu Bedingungen und Möglichkeiten auf dem deutschen Markt von einem anderen renommierten Honighersteller aus der Republik Bashkortostan.

Fast täglich gehen neue Anfragen ein. Selbstverständlich entscheidet sich nicht jedes Unternehmen, den Schritt nach Deutschland zu wagen. Ohne eine gesunde Partnerschaft traut sich fast keiner. Hier sind auch die deutschen Unternehmen gefragt, Kooperationen einzugehen. Denn auch sie können von den meistens sehr dynamischen Unternehmern aus Russland auf dem europäischen Markt profitieren. Diese werden zumeist von Menschen geleitet, die ihren eigenen Betrieb selber aufgebaut haben. Sie trauen sich, neue Wege zu gehen – und sind es gewohnt, ihr Wort – und nicht nur das Geschriebene – zu halten.

Die Repräsentanz der HIK informiert die Partner über Geschäfts- und Investitionsmöglichkeiten und stellt kostenlos allgemeine Brancheninformationen zur Verfügung. Sie spielt für beide Partner die Rolle des Mediators, stellt Wirtschaftsinformationen und individuell auf das Unternehmen zugeschnittene Informationspakete über wirtschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen bereit, organisiert bilaterale Unternehmertreffen, Delegationsreisen und liefert Kontaktadressen russischer Firmen, Behörden, Ministerien, Verbände und Organisationen.

Eintritt in europäischen Markt auch aufgrund der Krise
Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise erwies dieser Entwicklung erstaunlicherweise einen guten Dienst: Die Russen merkten rasch, dass die Nachfrage auf dem Binnenmarkt absackte und suchen nun nach neuen Märkten, die von der Krise nicht so stark betroffen sind. Zu solchen Märkten gehört auch Deutschland.

Hierzulande sind die Folgen bei Weitem nicht so verheerend wie in der Russischen Föderation oder anderen GUS- und Osteuropa-Ländern. Einer der führenden Zulieferer von Ersatzteilen auch für europäische Lastwagen, die Firma „Rostar“, bereitet sich auf einen Eintritt in den europäischen Markt vor. Die erforderlichen Zulassungen und Zertifizierungen liegen bereits vor, der Start-up wird in Kürze folgen.

Die Standortvorteile der Finanzmetropole Frankfurt mit ihren Banken, den Flughäfen Frankfurt und Hahn, Internethubs, der gut ausgebauten Verkehrsinfrastruktur und ihrem hohen internationalen Bekanntheitsgrad sind Argumente, die bei mehreren Dutzend russischen Gesellschaften den Ausschlag gaben, sich in der Region niederzulassen. So hat das Moskauer Logistikunternehmen Sovtransavto, wie übrigens alle großen deutschen Logistiker, die Region FrankfurtRheinMain schätzen gelernt und bewegt bereits seit 1991 erfolgreich Güter nach Russland und von allen GUS-Ländern in die RheinMain-Region.

Auf dem deutschen Ethnic Market haben die Russen die Nase vorn
Nicht zu vergessen die über drei Millionen russischstämmigen Menschen, die in Deutschland leben. Sie tragen ebenfalls zur Anbahnung von Geschäftsbeziehungen bei und entdecken neue Geschäftsfelder. Die Unternehmen aus Russland überholen die einheimischen auf diesem Ethnic Market. Russische Reise- und Messeveranstalter, Buchhandlungen, Lebensmittelhersteller, Fluggesellschaften, Kreditinstitute ergänzen in Deutschland das bestehende Angebot und füllen Lücken. Die deutschen Unternehmen haben diesen lukrativen Markt bisher vernachlässigt. Ein besonderes Engagement zeigt beispielsweise das größte russische Medienhaus „MK“. Die deutsche Vertretung, der MK Verlag, der seinen Sitz zunächst in Bad Vilbel hatte und später nach Frankfurt verlegt hat, gibt eine breite Palette an Printmedien in russischer Sprache für alle Zielgruppen heraus – von der familienfreundlichen Zeitung „MK Germany“ bis zu dem elitären Guide-Magazin „Life in Rhein-Main“ für die Geschäftsreisenden und gut betuchten Landsleute.

Der am Anfang abschreckende Papierberg, sprich die deutsche Bürokratie, ist für die russischen Unternehmensgründer mittlerweile keine wirkliche Hürde mehr. Mit Unterstützung der deutschen und russischen Wirtschaftsförderungseinrichtungen hilft die Repräsentanz der Handels- und Industriekammer Russlands den Geschäftsleuten bei diesem Schritt. Angefangen bei der richtigen Form des Schreibens an die Behörden bis zur Ausstellung der gültigen europäischen oder russischen Zertifikate. Hierzu wurden eine Vertretung der Tochtergesellschaft der HIK RF mit 40 Standorten in Russland sowie die Inspektions- und Zertifizierungsstelle „Soyuzexpertiza“ in Frankfurt gegründet.

Das andere Problem, das oft von Geschäftsleuten beklagt wird, sind die Visa. Während für deutsche Unternehmen dieses Thema längst der Vergangenheit angehört, müssen die russischen Geschäftsreisenden bei fast jeder Reise nach Deutschland zunächst beim deutschen Konsulat vorstellig werden. Nur in wenigen Fällen gelingt es, zumindest das ein Jahr gültige Multivisum zu erhalten.       


Sergey Rodionov
Stellvertretender Leiter
Repräsentanz der Handels- und Industriekammer
der Russischen Föderation
Frankfurt am Main


Kontakt

Repräsentanz
der Handels- und Industriekammer
der Russischen Föderation in Deutschland
Wilhelm-Leuschner-Straße 41
60329 Frankfurt
Telefon 069 /2992 1651

IHK WirtschaftsForum
November 2009