St. Petersburg: Russlands Tor zur Welt
Zar Peter der Große habe dort das Tor zum Westen aufgestoßen, beschrieb der russische Dichter Alexander S. Puschkin (1799 - 1837) die Gründung der Stadt St. Petersburg

St. Petersburg ist hinsichtlich des Stadtbilds, des Charakters der Menschen und der Kulturlandschaft die westlichste Großstadt des russischen Reichs. Was viele jedoch nicht wissen: Über St. Petersburg, über den Finnischen Meerbusen, laufen nahezu 70 Prozent der russischen Im- und Exporte. In der jüngsten Vergangenheit sorgten russische und ausländische Investoren dafür, dass immer mehr Hafenanlagen im Finnischen Meerbusen entstanden.

Geradezu aus dem Nichts heraus wurde der Hafen Ust-Luga an der estnischen Grenze gebaut. Am gegenüberliegenden Ufer wurde der Ölhafen Primorsk gebaut. Weitere Hafenprojekte sind bereits in Planung oder im Bau. Beobachter können sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Russland seinen Anteil am Finnischen Meerbusen zu einem riesigen Hafenareal mit verschiedenen Spezialisierungen ausbauen will.

Weitere infrastrukturelle Investitionen in und um St. Petersburg unterstreichen den Eindruck. Es geht vor allem darum, den Transitverkehr aus der Stadt herauszuhalten, die Häfen besser ans Hinterland anzubinden und den Güter- und Personenverkehr nach Moskau zu beschleunigen und zu verbessern. Der Autobahnring um St. Petersburg ist fast fertig, der Baufortschritt war in den vergangenen zwei Jahren atemberaubend schnell. Mit den Bauarbeiten für die Hafenquerung, die eine bessere Nord-Süd-Straßenverbindung ermöglicht, wurde bereits begonnen. In das gleiche Schema passen eine High-Speed-Eisenbahnverbindung nach Moskau sowie die geplante Maut-Autobahn in die russische Hauptstadt. Vielerorts sind auch deutsche Unternehmen am Ausbau der Infrastruktur beteiligt.

Ohne Zweifel ist und bleibt Moskau das wichtigste Verteilzentrum der russischen Warenwirtschaft. Die Im- und Exporte gehen größtenteils über den Finnischen Meerbusen, die Verteilung der Waren in die Regionen des riesigen russischen Reichs findet aber in Moskau statt. Das haben viele inländische und auch internationale Hersteller erkannt und sich logistisch an die Achse St. Petersburg – Moskau gelegt oder ihre Standorte dorthin angesiedelt. Die Prognose lautet, dass diese Achse sich in Russland weiter wirtschaftlich am schnellsten entwickeln wird.

Autoproduktion wird in Zukunft ansteigen
Der Gouverneurin von St. Petersburg, Valentina Matwienko, und ihrer Regierung ist es gelungen, namhafte Autohersteller ins Umfeld von St. Petersburg zu ziehen. Das bestätigt die Richtigkeit der Analyse, dass Produzenten es bevorzugen, dorthin zu gehen, wo sie günstige logistische Voraussetzungen finden. Auch wenn es während der momentanen Finanzkrise zu Störungen kam, wird sich St. Petersburg mittelfristig dennoch aus dem Nichts heraus zu einem der weltgrößten Zentren für Autoproduktion entwickeln. Das zieht weitere ausländische Zulieferer in die Region, denn die Hersteller müssen vertraglich den lokalen Anteil an der Produktion erhöhen, wobei sie bei russischen Produzenten selten fündig werden.

Deutschland ist bereits traditionell einer der wichtigsten Handelspartner der Russischen Föderation und in der Region. Im zweiten Quartal stehen deutsche Firmen an erster Stelle der ausländischen Investoren in St. Petersburg, mit 76,6 Millionen US-Dollar direkten Investitionen. Der Außenhandelsumsatz zwischen Deutschland und St. Petersburg erhöhte sich im Jahr 2008 gegenüber dem Jahr 2007 um zehn Prozent auf 4,2 Milliarden US-Dollar. Es gibt mehr als 500 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung in der Stadt. Das ist die zweitgrößte Häufung nach Moskau. Einige der Firmen waren schon in der Zaren- und Sowjetzeit in der Stadt, besonders viele kamen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Anfang der Neunzigerjahre. Was heute viele Russen schätzen: Diese Unternehmen blieben auch in schwierigen Zeiten der vergangenen 20 Jahre und zeigten ihr langfristiges Engagement auf dem russischen Markt.

Deutschland hat heute politisch wie wirtschaftlich einen guten Ruf in der russischen Öffentlichkeit. Die deutschen Firmen werden im russischen Nordwesten von der Filiale der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) betreut. Im März beschloss die AHK, diese Filiale mit einem Geltungsbereich von Murmansk bis Nowgorod und von Wologda bis Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg, zu gründen. Die deutschen Firmen sind zwar in allen russischen Regionen vertreten, konzentrieren sich jedoch auf St. Petersburg, das Leningrader Gebiet, Nowgorod und Kaliningrad. In Kaliningrad befinden sich etwa  340 Firmen mit deutschem Kapital, was die drittgrößte Häufung deutscher Firmen in Russland bedeutet. Darüber hinaus gibt es Vertretungen der Handelskammer Hamburg in St. Petersburg und Kaliningrad. Schleswig-Holstein und Hamburg führen ein Hanse-Büro und Baden-Württemberg eine Wirtschaftsrepräsentanz.

Bei Investitionsplanung vorher beraten lassen
Trotz großer Fortschritte in der Wirtschaftsentwicklung ist der russische Markt für deutsche Unternehmer nicht einfach. Die Gesetzgebung ist auch nach fast 20 Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht vollkommen. Insbesondere, wenn mehrere Behörden von wichtigen Entscheidungen betroffen sind, fehlt die Koordination. Das bedeutet für die betroffenen Unternehmen nervenaufreibende Behördengänge. Auch wenn es eine Kampagne des Präsidenten Dmitrij Medwedjew gegen Korruption gibt, sind bisher die betroffenen Beamten nur vorsichtiger geworden, aber nicht weniger korrupt. Die enge Verknüpfung von russischer Politik und Wirtschaft führt zu Intransparenz und ist für ausländische Unternehmer schwer zu durchschauen. Das gilt im Übrigen für ganz Russland und nicht nur für den Nordwesten. Daher ist es vor allem für kleine und mittelständische deutsche Unternehmen, die Investitionen in Russland planen, ratsam, sich einen guten und erfahrenen Berater an die Seite zu stellen.

Aber der Markt in Russland ist groß und vielversprechend. Darum wäre die Annahme falsch, dass Russland nur die Rolle des Energielieferanten spielen wird. Die Verarbeitung der Rohstoffe, die Befriedigung der Konsumbedürfnisse der Bevölkerung und die Nutzung des wissenschaftlichen Potenzials werden weiterhin Treiber für Investitionen und Produktion sein. Die jüngste Vergangenheit zeigte, dass die Nachfrage nach Konsumgütern sehr groß ist. Einige Retailer-Filialen machen ihre größten Umsätze gerade in Russland.

Aber auch die Erneuerung der Industrieausrüstung ist ein brennendes Thema. Das sind Herausforderungen – auch für deutsche Unternehmen. In St. Petersburg sind neben den beiden erwähnten Clustern Logistik und Hafenwirtschaft auch noch die Lebensmittelproduktion, Schwerindustrie, Elektronik, Softwareentwicklung und Bauwirtschaft zu nennen. Vor allem das intellektuelle Potenzial ist in St. Petersburg bei Weitem noch nicht ausgeschöpft.

Entgegen aller Unkenrufe hat die russische Wirtschaft die Krise bisher einigermaßen gut gemeistert. Das soll allerdings keine Prognose sein. Es ist aber anzunehmen, dass die Krise ein Intermezzo bleibt und mit dem Anziehen der Konjunktur in den USA und Europa sich das in den vergangenen Jahren sehr dynamische Wirtschaftswachstum in Russland fortsetzen wird. Erfahrene Unternehmer meinen, dass es sich gerade jetzt – antizyklisch – lohne, den Markteinstieg in Russland zu wagen. Derzeit sind die Immobilien deutlich günstiger als noch vor Monaten und der Euro gegenüber dem Rubel stark.

     
Dr. Stephan Stein
Leiter der Filiale
Nordwest der Deutsch-Russischen AHK
in der RF
St. Petersburg


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November 2009