Wachstumsprognosen: Leichte Erholung
Da der inländische Wettbewerb in Russland noch nicht funktioniert, haben hoch spezialisierte deutsche Mittelständler weiterhin gute Chancen, in fast allen Industriesektoren Fuß zu fassen.

"Wir müssen unsere Wirtschaftsmentalität und unsere Unternehmenskultur ändern", so fasste der russische Präsident Dmitri Medwedjew Anfang September die aktuelle wirtschaftspolitische Lage im Land zusammen. Damit, so schien es, wollte der Präsident dem Rückfall in alte Verhaltensmuster vorbeugen.

Nachdem sich die Wirtschaft – vor allem unter dem Eindruck des seit Jahresbeginn stetig steigenden Ölpreises – allmählich zu erholen beginnt, dürften die Stärkung des Mittelstands und die Unabhängigkeit der Wirtschaft vom Energieträgerexport als wichtigste Reformen nicht aus den Augen verloren werden. Für 2010 rechnen Regierung und Finanzexperten wieder mit einem leichten Wachstum von bis zu zwei Prozent. In diesem Jahr jedoch wird der Rückgang wahrscheinlich bis zu neun Prozent betragen. Die strukturellen Schwächen führten in der jüngsten Vergangenheit zu einem starken Rückgang der Industrieproduktion und hoher Arbeitslosigkeit.

Die Auswirkungen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise haben in Russland in besonderer Weise gewirkt. Überdeutlich wurde die Abhängigkeit des staatlichen Budgets und der Wirtschaft von den Exporten von Rohstoffen und Energieträgern und den damit am Weltmarkt zu erzielenden Preisen. Mit dem Rückgang der erzielten Umsätze Ende vergangenen Jahres und zum Jahreswechsel gerieten einerseits die im Ausland hoch verschuldeten Energie und Rohstoffe fördernden oder verarbeitenden Firmen in Liquiditätsengpässe. Andererseits sanken die Reserven in den staatlichen Fonds. Damit sank auch die Nachfrage nach Investitionsgütern aus dem Ausland, die zur Modernisierung und Diversifizierung der russischen Wirtschaft dringend nötig waren und sind.

Vor allen Dingen psychologisch bedingt, gingen die Investitionen in das Grundkapital erheblich zurück. Wie in den Krisen der Neunzigerjahre zogen internationale Finanzinvestoren erhebliche Mittel aus Russland ab, aber auch viele Russen transferierten aus Sorge vor Verfall oder Verlust Gelder ins Ausland. Dieser Trend konnte mit Beginn des neuen Jahres durch die weitsichtige und auf Vertrauen in die Währung gerichtete Politik der Zentralbank und des Finanzministeriums weitestgehend gestoppt werden – 2008 flossen nach Angaben der Weltbank über 180 Milliarden US-Dollar aus Russland ab.

Leichte Besserung in der zweiten Jahreshälfte
Export- und Importbilanz fielen im ersten Halbjahr 2009 um mehr als ein Drittel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Zahlungsverpflichtungen russischer Unternehmen im Euro- und Dollarraum – in Verbindung mit der gleichzeitigen Abwertung des Rubels – zwangen die Regierung zu massiven Stützungskäufen. Selbst der sonst robuste Binnenkonsum ist deutlich zurückgegangen, von Januar bis Juli schrumpften die Umsätze allein im Einzelhandel um circa zwölf Prozent. Dazu trugen sinkende Reallöhne, die wachsende Zahl von Entlassungen und die steigende Kreditbelastung bei, die einerseits durch den Währungsverfall des Rubels gegenüber dem Euro und Dollar sowie andererseits durch die deutlich höheren Kreditzinsen begründet ist. Die verschlechterten Konditionen für Handelskredite beeinflussten auch den bilateralen Handel. Zahlreiche für 2009 geplante Projekte wurden zeitlich gestreckt oder verschoben. Besonders betroffen sind die Bauindustrie, die Bauzulieferer, die Automobilindustrie und die Automobilzulieferer, in Teilen auch Maschinen- und Anlagenbauer.

Mit Beginn des zweiten Halbjahrs ist in der russischen Wirtschaft eine leichte Erholung spürbar. Die Industrieproduktion ist wie das Bruttoinlandsprodukt zum ersten Mal seit Jahresbeginn leicht gestiegen. Ein Indiz für einen gegenläufigen Trend ist auch das wieder wachsende Transport- und Verkehrsaufkommen. Allerdings liegen die Werte für alle makroökonomischen Indikatoren immer noch deutlich unter den Vorjahreswerten. Beim Export russischer Waren macht sich vor allen Dingen der gestiegene Ölpreis bemerkbar (Januar 2009: 41,9 US-Dollar pro Barrel, August 2009: 72 US-Dollar pro Barrel), doch auch die Importzahlen steigen wieder. Mit 16,1 Milliarden US-Dollar fielen die Importe im Juli am höchsten seit Jahresbeginn aus. Allerdings müsste, um die ehrgeizigen Pläne der Regierung für die Entwicklung von Schlüsseltechnologien zu verwirklichen und die Modernisierung der Industrie voranzutreiben, deutlich mehr investiert werden. Vor allen Dingen auch in die Infrastruktur der Öl und Gas fördernden Betriebe, die Leitungen und Speichermedien. Denn auch langfristig werden diese Industriezweige die russische Wirtschaft dominieren. Nach wie vor ist die russische Industrieproduktion international nicht konkurrenzfähig. Exemplarisch dafür steht die Automobilwirtschaft, der Absatz inländischer Marken ist nahezu zum Erliegen gekommen.

Gute Möglichkeiten für ausländische Mittelständler
Mehr als einmal haben Präsident Medwedjew und Premier Putin die Entwicklung des Mittelstands als systemisch wichtig postuliert. In den vergangenen Jahren wurden deshalb zum schnelleren Wachstum Förderprogramme aufgelegt, die Existenzgründungen erleichtern, Steuern senken und die Wettbewerbsfähigkeit des Sektors steigern sollten. De facto sind die kleineren und mittelständischen Unternehmen jedoch weder von ihrer Zahl noch von ihrer produktiven und innovativen Leistungsfähigkeit her in der Lage, die Basis eines hochmodernen Industriestaats zu bilden. Weltmarktfähige Technologien werden meist von internationalen Unternehmen mit nach Russland gebracht. Hoch spezialisierte Mittelständler wie die deutschen, haben daher trotz ihrer oftmals ungünstigeren Preisstruktur gute Chancen, in fast allen Industriesegmenten tätig zu werden. Auf absehbare Zeit wird sich an diesem Zustand wenig ändern. Die Voraussetzungen für einen inländischen Wettbewerb müssen erst geschaffen werden.

Eine Ursache für den Rückstand der russischen Wirtschaft besteht in der theorielastigen Berufsausbildung russischer Facharbeiter, aber auch in der ungenügenden Konkurrenzsituation. Immer noch suchen viele Unternehmen, unabhängig davon, ob sie dem Mittelstand oder der Industrie zugerechnet werden, den einfachen Weg in Form einer Partizipation am Geschäft mit dem Verkauf von Bodenschätzen. Der Finanzsektor verstärkt diesen Drang nach einem schnellen Return on Investment. Mittel- und langfristige Kredite (drei bis zehn Jahre) zu bezahlbaren Konditionen werden von den russischen Kreditinstituten nicht ausgereicht. Deutsche und internationale Lieferanten versuchen diese Situation mittels hermesgedeckter Kreditbürgschaften zu meistern. Im Land müssen KMUs ihre Geschäfte größtenteils aus dem eigenen Cashflow finanzieren. Begünstigt werden deshalb kaum mehr innovative und am Weltmarkt orientierte, hochtechnologische Unternehmen, die über konkurrenzfähiges Know-how verfügen, sondern Dienstleister, Handelsunternehmen, Einzelhändler und Consultants.

In diesem Dilemma liegt die Chance für ausländische Mittelständler, die diese Lücke zu füllen vermögen. In den für Russland vordringlichen und von der Regierung als Schwerpunkte definierten Sektoren: Infrastruktur (zum Beispiel Verkehr, Strom, Wasserversorgung und -entsorgung, Telekommunikation, Architektur), Nanotechnologie, Luft- und Raumfahrt, Rohstoffveredelung, Wohnungsbau, Gesundheitswesen, Energieeffizienz und nicht zuletzt bei den Bauten in der Olympiastadt Sotschi, gibt es zahlreiche Möglichkeiten für gute Geschäfte. Allein auf kurzfristigen Erfolg können deutsche Unternehmen jedoch nicht bauen, dagegen sprechen die zunehmend protektionistischen Bestrebungen des russischen Staats, Bürokratie und Korruption. Insgesamt sind die Rahmenbedingungen stark verbesserungsbedürftig. Trotzdem: Ein Engagement in Russland verspricht langfristig sehr gute Umsätze und Gewinne.


Jens Böhlmann
Leiter Kommunikation und Marketing
Deutsch-Russische Auslandshandelskammer
Moskau


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IHK WirtschaftsForum
November 2009