Vereinigte Arabische Emirate – Staatenbund mit Modellcharakter
Marktzugang für ausländische Firmen soll vereinfacht werden

Seit ihrer Gründung im Jahr 1971 bilden die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) einen Staatenbund, der die scheinbar unüberbrückbaren Gegensätze von arabischer Tradition und dynamischer Wirtschaftsentwicklung erfolgreich überwindet. In dieser Föderation – der einzigen der arabischen Welt – ist etwas völlig Neues entstanden: eine Symbiose aus Tradition und Moderne, sozusagen ein Modelldorf der Globalisierung. Dessen Kennzeichen sind wirtschaftliche Diversifizierung, Marktöffnung, Qualifizierung und Internationalisierung.

Die Ausgangsbedingungen hierfür waren abgesehen vom Energiereichtum keinesfalls einfach. Umso bemerkenswerter ist es, dass die VAE heute eine der weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften sind. Seit 1994 konnten die VAE ihr Bruttoinlandsprodukt von 36,9 auf 149,8 Milliarden US-Dollar erhöhen. Das Pro-Kopf-Einkommen lag im Jahr 2006 bei circa 30 000 US-Dollar. Mit Rekordexporten in die VAE in Höhe von 5,4 Milliarden Euro ist auch die deutsche Wirtschaft an diesem Boom beteiligt. Die VAE sind damit wichtigster Absatzmarkt für deutsche Produkte in der MENA-Region. Es folgen Saudi-Arabien und Iran mit Gesamtexporten in Höhe von 4,6 respektive 4,1 Milliarden Euro sowie mit größerem Abstand Israel und Ägypten. Aus Sicht der VAE hingegen liegt Deutschland als Lieferant an sechster Stelle hinter China, Großbritannien, Japan, Indien und den USA.

Für deutsche Unternehmen bestehen in den VAE und von dort aus auch in die gesamte Region sehr gute Marktchancen, insbesondere in folgenden Branchen mit unterschiedlichen geografischen Schwerpunkten: Im Öl- und Gassektor liegt der Fokus derzeit auf dem Emirat Abu Dhabi, das eine deutliche Steigerung der Förderleistung und die Erschließung weiterer Lagerstätten und Gasvorkommen plant. Die Bauwirtschaft boomt nach wie vor in Dubai und verzeichnet derzeit eine besondere Dynamik in Abu Dhabi. Seit März letzten Jahres gibt das neue Immobiliengesetz ausländischen Investoren Rechtssicherheit beim Erwerb von Immobilien. Fast täglich werden neue Bauprojekte verkündet. Großprojekte wie die Cultural Island in Abu Dhabi bieten Chancen vor allem für hoch spezialisierte und technologisch anspruchsvolle Lösungen zu Brandschutz, Facility Management, Beleuchtung oder Interior Design.

In allen Emiraten sind zahlreiche neue und teilweise äußerst umfangreiche Tourismusprojekte geplant, deren Konzepte von Ökotourismus bis zu künstlichen Schnee- und Winterlandschaften reichen. Gleiches gilt für den Bereich Medizin mit den Schwerpunkten Health Care und Wellness. Produkte und Leistungen der deutschen Medizintechnik finden trotz des hohen Preisniveaus Abnehmer in den staatlichen und privaten Gesundheitseinrichtungen. Gute Geschäftschancen bietet auch der Lebensmittelsektor. In den VAE ist ein klarer Trend zu höherwertigen und ökologisch einwandfreien Nahrungsmitteln erkennbar. Dieser bietet beachtliches Potenzial für deutsche Anbieter in allen Segmenten, von Bratwurst über Käse zu Mohnkuchen, Nahrungsergänzungsmitteln und Getränken mit oder ohne Alkohol.

Das IT- und Medienzentrum der VAE ist Dubai. Die Freezones der Dubai Internet und Media City bieten eine hervorragende Infrastruktur, die mittlerweile von allen Top-25-Firmen der Branche und fast 20 000 Mitarbeitern genutzt wird. Die gesamte Golfregion ist weltweit eine der wachstumsstärksten IT- und Telekommunikationsmärkte. Umwelt- und Energietechnik haben jedoch noch Nachholbedarf. Das erst 2006 geschaffene Umweltministerium soll die fehlenden Rahmenbedingungen auf föderaler Ebene schaffen und betont damit das endlich erwachende und für eine nachhaltige Entwicklung sicher notwendige Umweltbewusstsein. Somit eröffnen sich auch in den Bereichen Wasserversorgung und -entsorgung, Energieeinsparung, alternative Energieträger und durch die Privatisierung der Abfallwirtschaft Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen, deren Produkte in arabischen Ländern eine hervorragende Wertschätzung genießen. Die erfolgreiche Bilanz der deutschen Wirtschaft in den VAE darf aber nicht vom fortdauernden Wettbewerb und der Notwendigkeit ständiger Innovationen ablenken. Die politischen Führer des Landes wünschen ausdrücklich, dass deutsche Unternehmen sich künftig dauerhafter im Land engagieren und investieren sollen.

Der wichtigste Erfolgsfaktor für einen erfolgreichen Marktzugang ist – wie auf anderen Auslandsmärkten auch – die Präsenz vor Ort. Hierzu wählt man die Form einer eigenen Repräsentanz oder arbeitet zumindest mit einem geeigneten lokalen Vertreter zusammen. Im Rahmen der Liberalisierung des Handels und des WTO-Abkommens sollen die Marktzugangsbestimmungen für ausländische Firmen bald gelockert werden.

In den Freihandelszonen Dubais und der nördlichen Emirate und den Specialized Economic Zones des Emirates Abu Dhabi ist die Gründung 100-prozentiger Tochterunternehmen ausländischer Firmen möglich. Man benötigt also keinen lokalen Partner oder Sponsor, sondern kann als ausländischer Investor eigene Handels-, Dienstleistungs- oder Produktionsniederlassungen gründen. Die rechtliche Eigenständigkeit sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass aktive Partnerschaften mit lokalen Unternehmen wichtig sind. Nahezu alle Freihandelszonen bieten folgende Investitionsanreize: 100 Prozent ausländische Beteiligung an Kapitalgesellschaften, freier Kapital- und Gewinntransfer, kein Importzoll, moderne Kommunikationseinrichtungen, günstige Energiepreise, umfassende Dienstleistungsangebote, gute Infrastruktur und Personalunterbringungsmöglichkeiten auf dem Gelände. Im Unterschied hierzu ist bei Unternehmensgründungen außerhalb der Freihandelszone die 51-prozentige Beteiligung eines VAE-Staatsangehörigen beziehungsweise einer voll in nationalem Besitz befindlichen juristischen Person vorgeschrieben. Diese Regelung soll noch in diesem Jahr durch ein neues und wesentlich liberaleres Investitionsgesetz abgelöst werden.

Momentan sind rund 500 deutsche Firmen mit Repräsentanzen oder Niederlassungen in den VAE vertreten. Häufig betreuen diese von Dubai oder Abu Dhabi aus die gesamte Golfregion, teilweise sogar Nord- und Ostafrika, Zentral- und Südasien. Modernste Infrastruktur, günstige Verkehrsverbindungen und ein internationales, unternehmerfreundliches Klima haben die Emirate zur regionalen Drehscheibe gemacht. „Made in Germany“ ist ein Gütezeichen, das aber im – durch den hohen Euro-Kurs noch verschärften – Preiswettbewerb, insbesondere asiatischer Lieferanten, nur mit besonderem Einsatz erfolgreich vertrieben werden kann. Für die Diversifizierung ihrer Volkswirtschaft suchen die VAE nicht nur Handels-,
sondern auch strategische Partner. Europäische und hier vor allem deutsche Unternehmer stehen aufgrund der Qualität und Zuverlässigkeit ihrer Produkte und Dienstleistungen auf der Wunschliste ganz oben.


Dr. Jürgen Friedrich
Delegierter der Deutschen Wirtschaft
The German Industry and Commerce Office (GICO)
Dubai

IHK WirtschaftsForum
Juni 2007