IHK-Präsident fordert bessere Aufsichtsstrukturen im Finanzsektor

3.9.2009

Die IHK Frankfurt am Main hat bessere Aufsichtsstrukturen im Finanzsektor gefordert. Dr. Mathias Müller, Präsident der IHK Frankfurt am Main, sagte zur Eröffnung der „2. ZEIT KONFERENZ Finanzplatz – Neue Architektur der Finanzwirtschaft“ am Donnerstag in der IHK Frankfurt am Main: „Es gilt, umsichtig, aber entschlossen zu handeln, um die Aufsichts- und Überwachungsstrukturen im Finanzsektor zu verbessern.“ Es sei daher auch folgerichtig, den Sitz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) komplett nach Frankfurt am Main zu verlegen.„Für die Entwicklung des Finanzplatzes Frankfurt als uneingeschränkt führendes Finanzzentrum in Deutschland ist es von grundsätzlicher Bedeutung, sich an der zukünftigen Gestaltung der nationalen, europäischen und internationalen Finanzarchitektur zu beteiligen“, sagte IHK-Präsident Dr. Müller vor 300 Konferenzteilnehmern. Der Finanzplatzinitiative „Frankfurt Main Finance“ sicherte er die Unterstützung der IHK Frankfurt am Main zu, um das deutsche Finanzsystem im globalen Wettbewerb angemessen zu positionieren. 

Dr. Josef Ackermann, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bank, wies in seinem Impulsreferat zur Konferenz den Vorwurf zurück, Banken seien schon wieder zur alten Tagesordnung zurückgekehrt. „In den vergangenen Wochen wurde oft geklagt, von einer neuen Finanzordnung sei wenig zu sehen.“ Kaum habe sich die Lage etwas beruhigt, machten die Banken so weiter wie gehabt, laute die Kritik. „Dieser Eindruck ist falsch und irreführend“, sagte Ackermann. Banken seien intensiv damit beschäftigt, neue Regulierungsmechanismen zu etablieren. „Die Bürger suchen nach ehrlichen Antworten auf die wirklichen Herausforderungen unserer Zeit“. Dazu hätten die Institute ihre Dienstleistungen standardisiert und Finanzprodukte vereinfacht. Ackermann appellierte an die Politik, die finanzpolitischen Entscheidungsprozesse beiderseits des Atlantiks eng zu verzahnen. Gleichzeitig warnte er vor Kleinstaaterei in der Finanzbranche. Er sehe mit Besorgnis, dass sich Finanzdienstleister aus dem internationalen Geschäft zurückziehen.

"Das globale Wachstumsmodell der letzten 15 Jahre ist gescheitert", konstatierte Prof. Dr. Jürgen Stark, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Weltwirtschaft werde sich von dieser Krise nur sehr langsam erholen: „Was über viele Jahre an Exzessen passiert ist, braucht seine Zeit, um sich zu normalisieren.“ Stark verwies darauf, dass die Krise jedoch auch ein Katalysator sein könne, um die globalen Strukturen zu verbessern. Hinsichtlich der aktuellen wirtschaftlichen Lage sprach Stark davon, dass „der freie Fall der wirtschaftlichen Aktivität gestoppt zu sein scheint“, Er betonte, dass dies jedoch kein Grund zur Sorglosigkeit sein dürfe. Niedrigere Wachstumsraten, höhere Arbeitslosenzahlen und höhere staatliche Verschuldung würden erhebliche Herausforderungen an die Akteure der Weltwirtschaft stellen. „Wir haben eine sehr holprige Straße vor uns“, sagte Stark. Dies zeige sich beispielsweise mit Blick auf den Abschreibungsbedarf der Banken in den Jahren von 2007 bis 2010. Die EZB schätze, dass die Abschreibungen im Euroraum 650 Mrd. US Dollar betragen. Abzüglich der bereits erfolgten Abschreibungen an Wertpapieren und Krediten werde als verbleibendes Verlustpotenzial mit 300 Mrd. US Dollar gerechnet.

Insgesamt seien die Volkswirtschaften im Euroraum seit Ausbruch der Krise durch die Regierungen und die EZB mit 41 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gestützt worden; davon kamen 24 Prozent von den Regierungen und 17 Prozent durch Maßnahmen der EZB. Stark geht davon aus, dass die Demokratien staatliche Eingriffe in einem solchen Ausmaß nicht noch mal verkraften würden. Der Staat solle sich nun schnell wieder darauf beschränken, Regeln für das Funktionieren der Märkte zu setzen.

Dr. Thomas Mirow, Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, London, betonte, dass Länder wie die baltischen Staaten, Ungarn, die Ukraine und Russland besonders stark von der Krise betroffen seien. Dort herrsche bei vielen die irrige Vorstellung, dass es nach der Krise wieder so wie vorher werde. Selbst in den osteuropäischen Ländern, die die Krise relativ gut überstehen, werde dies aus seiner Sicht auf längere Zeit aber nicht der Fall sein. Ein deutlich optimistischeres Bild der weltwirtschaftlichen Lage zeichnete Jim O’ Neill, Head of Global Economic Research von Goldman Sachs. Vor allem wegen der schneller anspringenden asiatischen Märkte sei mit einem exportinduzierten Anziehen der Konjunktur zu rechnen.

Im Hinblick auf die Entwicklung in Europa betonte Dr. Lutz Raettig, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des Aufsichtsrats der Morgan Stanley Bank AG, Frankfurt, dass aktuell immer noch zu viel Unsicherheit bestehe, um von einer Trendwende sprechen zu können. „Nach dem Kurzfrist-Effekt der Abwrackprämie ist es nun von Bedeutung, das langfristig tragfähige wirtschaftliche Wachstum wieder in Gang zu bringen“, sagte Raettig.

Auf der Suche nach den richtigen Geschäftsmodellen aus der Krise will Martin Blessing, Sprecher des Vorstandes der Commerzbank AG, Frankfurt, die Sparte Investmentbanking weiter ausbauen. „Die Schwerpunkte im Investmentbanking werden aber anders gesetzt  als vor der Finanzkrise. Außerdem werden die Produkte einfacher und kundenfreundlicher zugeschnitten“. Dr. Theodor Weimer, Sprecher des Vorstandes der HypoVereinsbank AG, bestätigte: „Banken, die im Firmenkundengeschäft tätig sind, sind auf das Investmentbanking angewiesen, um diesen Kunden kapitalmarktfähige Produkte anbieten zu können.“ Im Unterschied dazu stehe das eigenhandelsbetriebene Investmentbanking, das die Renditeerwartungen der Branche in den vergangenen Jahren in unerträgliche Höhen getrieben und damit das Entstehen der Finanzmarktblase mit verursacht habe.

 

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