Wirtschaftsfaktor Bildung im Fokus des Frankfurter Bildungsforums

18.05.2011

Fachkräftemangel, Pisa-Studie, Schulreform, demografischer Wandel und Integration – diese Faktoren wurden am 18. Mai auf dem Frankfurter Bildungsforum der Global Business Week unter dem Gesichtspunkt „Wirtschaftsfaktor Lernen“ diskutiert.

Mit drei wesentlichen Schlaglichtern der internationalen Untersuchungen des deutschen Schulsystems führte Heinz-Wilhelm Brockmann, hessischer Staatssekretär, in seinen Vortrag ein und  belegte zunächst, dass es der deutschen Schule schlechter als anderen gelinge, Kinder im unteren Leistungssegment zu integrieren. Laut Pisa-Studie 2001 verfüge das hiesige Schulsystem über zu wenige Mittel, um Kindern und Jugendlichen den Ausstieg aus einem leistungsfernen Bildungsbereich zu ermöglichen. Des Weiteren gebe es besonders im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich sowie im Transfer eine zu große Mitte und zu wenig Profil für Kinder und Jugendliche. Drittens gelinge es dem deutschen Schulsystem nicht, eine hinreichende Leistungsspitze auszubilden. Wie Pisa 2010 zeige, verzeichne man von allen Bereichen lediglich bei der Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund einige Erfolge. Daher komme es auf eine umfassende Gesamtsicht an, so Brockmann, der auch dafür plädierte, mit dem Lernen insgesamt früher anzufangen: „Eine entscheidende Ressource unseres Schulsystems, die wir bisher vernachlässigt haben, ist die Sprachkompetenz als Schlüsselkompetenz für das Lernen“, so Brockmann. „Hier müssen wir bereits vor der Schulzeit Hilfestellung leisten.“ Durch Vorlaufkurse sowie Einzelveranstaltungen zur Verbesserung der Sprachkompetenz habe man hier bereits entscheidende Fortschritte. Darüber hinaus müsse man das Problem der mangelnden Akzeptanz der Hauptschule lösen. „Diese Schulform wird als Sackgasse und soziale Deklassierung angesehen. Die Akzeptanz  kann nur dann stattfinden, wenn wir eine Form von Integration schaffen“, sagte Brockmann. „Die neue Mittelstufe als Schulform mit einem Eingang und zwei Ausgängen kann hierauf eine Antwort geben.“

Ein weiterer wichtiger Punkt sei die praktische Relevanz in der Lehrerausbildung. Hier gehe es um die Verstärkung diagnostischer Kompetenzen. Laut dem Staatssekretär müsse das Lernen insgesamt nicht nur als das Vermitteln bestimmter Inhalte, sondern als planvolles Gestalten einer Kompetenzaneignung verstanden werden. „Wir brauchen die Bewegung von der inhalts- auf die zielbezogene Richtung des Lernens“, betonte er. Für diese Maßnahmen sei es wichtig, Schulen das Recht, den Freiraum und die Möglichkeit einzuräumen, das Schulleben selbst zu gestalten. Hessen sei das einzige Bundesland, das diese Selbstständigkeit im Schulgesetz für alle Schulformen beschreibt. „Wir brauchen Ressourcen für eine eigene Form der Verantwortung und Selbstständigkeit. Moderne Formen von Personalführung können auch in der Schule sinnvoll sein.“ So könne ein gemeinsames Handeln, Planen und Reflexion der Stärken, Schwächen und Ziele erreicht werden, wie es in anderen Bereichen längst selbstverständlich sei und einen wesentlichen Teil der Arbeitszufriedenheit ausmache.

In diesen Bereich der Selbstständigkeit gehöre eine besondere rechtliche Form für die berufsbildenden Schulen, die nach Brockmanns Ansicht zu Anstalten des Öffentlichen Rechts umgewandelt werden sollten. Der Staat, der in diesem Sinne Selbstständigkeit für Schule ermögliche, ziehe sich in Folge dessen ein Stück vom Handeln zurück. Er müsse vielmehr eine genaue Wahrnehmung dafür haben, was in den Schulen geschieht. „Die Aufgabe ist es, bei einer klugen Beobachtung und Beratung der Schule den Raum zu lassen, vieles selbst zu gestalten“, so der Staatssekretär. Dafür brauche man keine unterschiedlichen Einzellösungen, sondern etwas Umfassendes, Ganzes.

Jutta Ebeling, Dezernentin für Bildung und Frauen der Stadt Frankfurt am Main, schloss sich ihrem Vorredner an. So habe die Stadt Frankfurt für die Vorbereitung der selbstständigen Schule bereits vor 12 Jahren ein Budget bereitgestellt. Jedoch müssen Schulen laut der Bürgermeisterin diese Selbstständigkeit auch umzusetzen können. Derzeit hindere sie das Kooperationsverbot für Bildungsaufgaben zwischen der Bundesebene und den Ländern daran. „Dies ist nicht die adäquate Antwort auf Pisa, wir brauchen die Pflicht zur Kooperation“, mahnte Ebeling. Frankfurt investiere laut Haushaltsplan 488 Millionen Euro in Bildung. Dies sei somit der zweithöchste Etatposten neben den Ausgaben für Soziales. „Lernen und Bildung haben einen hohen Stellenwert und sind ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor und relevanter Teil des Arbeitsmarktes“, erklärte die Bildungsdezernentin. In Frankfurt besuchen mehr als 50 Prozent der Schüler ein Gymnasium und die Anzahl der Schüler ohne Abschluss ist vergleichsweise niedrig. „Die Korrelation von Bildung und Wirtschaftswachstum gilt als erwiesen“, fasste Ebeling zusammen und berief sich unter anderem auf die von der Bertelsmann Stiftung untersuchten Folgekosten unzureichender Bildung aufgrund entgangenem Wirtschaftswachstum. „Dem Staat entgeht Geld, wenn Risikoschüler nicht gefördert werden“, resümierte die Bürgermeisterin. Doch Ausgaben können nur auf der Ebene der Kommunen getätigt werden, wenn die Gewerbesteuer fließe. So interessiere sich die Wirtschaft zunehmend auch für den Output in den Schulen. Bildung dürfe jedoch nicht ausschließlich unter Ökonomisierungsgesichtspunkten betrachtet werden, sondern müsse vor allem auch den humanistischen Aspekt im Auge behalten. „Wir brauchen ein breites Feld der Allgemeinbildung. „Bildung formt unsere jungen Menschen und dazu zählt auch die Bildung im musischen und kreativen Bereich.“ Hierbei dürfe man auch diejenigen nicht vergessen, die aufgrund einer Behinderung nicht produktiv am Wirtschaftsleben teilnehmen können.

Die richtigen Antworten auf Pisa liege, so Ebeling abschließend, nicht in der Kürzung von Lerninhalten, sondern auf der Neuausrichtung von traditionellen Bildungszielen. „Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit erreichen wir nicht nur durch die Selbstständigkeit von Schule, wir müssen mehr investieren und Kindern und Jugendlichen eine andere Form des Lernens in der Schule näher bringen“, so die Bürgermeisterin, die in der Einführung von Ganztagsschulen eine Möglichkeit sieht, Nachteile auszugleichen. „Bildung darf nicht zu sehr verkürzt und unter dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit betrachtet werden. In einer komplexen globalisierten Welt müssen Kinder und Jugendliche einen Platz finden und die Möglichkeit bekommen, nützlich zu sein.“ Die Polarität zwischen einem Menschenrecht auf Bildung und der Ökonomisierung von Bildung müsse aufgelöst werden, denn der Kontakt zwischen Wirtschaft und Schule in allen Schulformen öffne einen wichtigen Erfahrungsraum.

 

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