Standortfaktor Kultur – Chancen und Risiken für vernetzte Kulturstädte

18.05.2011

Welche Rolle spielen Städte-Akteure im Dialog und bei der Vernetzung der Kulturen? Diese Frage erörterten auf dem Forum „Standortfaktor Kultur“ der Global Business Week in der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am 18. Mai fünf Experten aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Dabei ging es auch um die Frage, ob und unter welchen Umständen der Standortfaktor Kultur zu einem Wettbewerbsfaktor wird. „Es gehe heute nicht mehr nur um die wirtschaftliche Stärke, Militärmacht, Einwohnerzahlen oder Gebietsgrößen, sondern auch um die 'Soft-Power-Dimension' von Kreativität und Innovation“, sagte Dr. Hans d´Orville, Assistant Director-General for Strategic Planning der UNESCO, Dafür stehe die UNESCO als Förderer kultureller Vielfalt. Sie unterstützt auch das Netzwerk der Kreativstädte, die dabei sind, sich neu zu erfinden und sich ein eigenes Label zu schaffen. Mittlerweile gebe es sogar mehr globale Interaktion zwischen Städten als zwischen Ländern und Staaten.

Michael Schindhelm, Kulturmanager, Berater internationaler Organisationen und Autor sowie ehemaliger Direktor der Dubai Culture and  Arts Authority und der Stiftung Oper Berlin, führte neue Formen des Urbanismus an, die versuchen Kultur anzuziehen und zu einem ernsthaften Teil der Stadtentwicklung zu machen. Als Berater von Dubai stand Schindhelm vor der Herausforderung, ein soziopolitisches kulturelles Modell in einem Umfeld zu schaffen, das von Fundamentalismus und Religiosität der Nachbarländer geprägt ist. „Dubai ist ein Produkt der Globalisierung, in dem die ursprüngliche Bevölkerung nur noch einen Bruchteil ausmacht, die sich eine schnelle kulturelle Veränderung anpassen mussten“, berichtete Schindhelm. „Für die Schaffung einer gemeinsamen kulturellen Identität war es nötig, eine Plattform für die Kommunikation zwischen den Menschen herzustellen.“ Inzwischen gebe es in Dubai Konzepte und bereits realisierte Projekte für kulturelle Begegnungsstätten und ganze Quartiere, in denen Künstler leben und arbeiten können. Die Förderung zeitgenössischer Kunst drücke sich ferner in einer der wichtigsten Kunstmessen der arabischen Welt aus, die in Dubai stattfindet. Aufgrund der Finanzkrise gebe es jedoch derzeit Investitionsengpässe.

Andere kulturelle und finanzielle Voraussetzungen biete die chinesische Planstadt Shenzhen, die nur  durch einen Fluss von Hongkong getrennt ist. Aufgrund ihres Status als Sonderwirtschaftszone gilt sie als eine der bedeutendsten Städte für ausländische Investitionen und ist eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Die chinesische Regierung plant die Städte infrastrukturell und kulturell mit einander zu verbinden, um einen großen Metropolbereich zu schaffen. Das Zusammenspiel von Kultur, Arbeiten, Wohnen und Einkaufen spielt hier in der Planung eine große Rolle. Die Kultur soll ein eigenes Areal in zentraler Lage mit mehreren Theatern bekommen.

Nicolas V. Ijine, Vice President International Development, GCAM Global Cultural Asset Management und ehemaliger europäischer Direktor der Solomon R. Guggenheim Foundation, ergänzte weitere Beispiele aus seiner Erfahrung. Bevor die baskische Regierung den Mut hatte, eine Museumslandschaft zu planen, war Bilbao eine depressive Industrie- und Hafenstadt mit 30 Prozent Arbeitslosigkeit. Die hohen Investitionen in die Kultur hatten sich innerhalb von drei Jahren amortisiert. Inzwischen haben sich die Kulturindustrie, Designer und Architekten dort niedergelassen und der „Bilbao-Effekt“ sei nahezu zu einem geflügelten Wort geworden, sei jedoch nur bedingt übertragbar. In Abu Dhabi habe man in den letzten Jahren ein Kulturcluster entwickelt, das den Bau mehrerer Museen, unter anderem eines  Guggenheim und eines Louvre vorsieht.

Dr. Ron van Oers, Koordinator des Programms für nachhaltige Städteentwicklung des World Heritage Centre und Programme Specialist für Kultur bei der UNESCO, erachtet die Kooperation des öffentlichen und privaten Sektors mit der Zivilgesellschaft als zentralen Faktor. Das Städte-Weltkulturerbe hat es sich zur Aufgabe gemacht, alte Stadtteile im Umfeld moderner Entwicklung zu bewahren. Derzeit sind dies 250 historische Städte auf der ganzen Welt. Um den Titel als Tourismus-Motor gebe es mittlerweile einen großen Wettbewerb. Hier stehe jedoch zu oft der Kommerz vor der Kultur.

Abschließend gab Prof. Dr. Gernot Wolfram in seinem Vortrag über Kreativwirtschaft und Creative Industries in Europa einen Ausblick auf Chancen und Risiken für Kulturstädte. Der Professor an der MHMK Macromedia, Hochschule für Medien und Kommunikation Berlin, Kulturwissenschaftler und Fachreferent für Interkulturelle Kommunikation und Kulturarbeit im Team Europe der Europäischen Kommission in Deutschland, führte an, dass nur ein sehr geringer Anteil von Künstlern und Akteuren von kreativen Städten profitieren, die ein Portfolio anbieten, das Geld einbringe. „Die Kreativen selbst müssen zur Sprache kommen!“ forderte Wolfram und räumte ein, dass dies strukturell oft noch nicht ausreichend durchdacht werde. Kreativwirtschaft sei auch immer eine Chance für diejenigen gewesen, die keinen geradlinigen Lebenslauf oder ein erstklassiges Studium absolviert hätten. „Kreativität lässt sich nicht in die Produktionslogik einfügen“, resümierte Wolfram und mahnte, den grundsätzlichen Charakter von Kreativität nicht zu vergessen. Als positives Beispiel führte er die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 an. Hier seien unterschiedliche Formen der Kunst integriert worden und es habe sich gezeigt, dass auch soziokulturelle Aktionen einen Impuls für die Region bewirken können, der durch den Austausch von Menschen über gemeinsam Erlebtes nachhaltig werde. Schwierigkeiten bei der Etablierung als Kulturstandort haben laut Wolfram eher kleinere Orte, denen die Mittel zu Investitionen in die Kreativwirtschaft fehlten. Regelmäßige Musikfestivals können hier nachweislich auch in kleinerem Rahmen schon einen großen Beitrag für die positive Assoziation einer Stadt mit kulturellen Aktivitäten leisten.

Abschließend thematisierte Wolfram die Messbarkeit der Nachhaltigkeit. Seiner Ansicht nach sollten Städte in Personal investieren, das als Synergieberater oder Kulturvermittler fungiert und die Eigenheiten der Kreativbereiche zusammenführt, denn jeder Bereich habe eine Eigenlogik. Durch die so entstehenden Netzwerke könnten Synergien, etwa zwischen Medien, Kultur und Sport, entstehen. „Projekte, die klug synergetisch arbeiten, können einen viel stärkeren Bezug zur Wirtschaft herstellen“, so Wolfram. In den Schnittstellen und der Zusammenführung von Erfahrungswelten liege das Potenzial für Städte.

 

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