Kongress 2017

Die Digitalisierung krempelt die Arbeitswelt um: Angestellte sind nicht mehr an einen festen Arbeitsort und feste Arbeitszeiten gebunden. Projekte werden in wechselnden Teams durchgeführt, Entscheidungen im Kollektiv getroffen. Führung ist nicht mehr hierarchisch, sondern „agil“. Home Office, Co-Working Spaces und Jobsharing sind Begriffe, die nicht nur unseren Sprachschatz erweitern – sondern eben auch die Möglichkeiten, Arbeit neu zu organisieren.

 

Arbeitswelt zwischen 1,3 und 4.0

 

Spiegelt dies die aktuelle Arbeitswelt wieder? Befinden wir uns also bereits in einer „durchdigitalisierten 4.0-Welt“? Oder stecken wir bei 1,3 fest, wie Keynote-Speaker Prof. Gunter Dueck, Mathematiker und Autor, behauptete? Die Diskussionen auf dem 7. Demografiekongress in der IHK Frankfurt am Main pendelten auf der Skala zwischen 1,3 und 4.0 – in einem waren sich aber fast alle Teilnehmer einig: Die zunehmende Digitalisierung kann Fluch, aber auch Segen sein, vor allem bietet sie aber unheimlich viele Chancen.

 

Chancen der Digitalisierung bestmöglich nutzen

 

Prof. Mathias Müller, Präsident der IHK Frankfurt am Main, stellte in der Kongresseröffnung die Chancen der zunehmenden Digitalisierung in den Mittelpunkt: „Die deutsche Wirtschaft profitiert enorm vom Mittelstand und seiner Innovationsfähigkeit. Insbesondere mittelständische Unternehmen sind in der Lage, die Märkte mit passgenauen Produkten zu versorgen. Wenn wir diese Stärken mit den Möglichkeiten der Digitalisierung zusammenbringen, kann ein erheblicher Mehrwert entstehen.“ Um dies zu erreichen, müsse es in noch stärkerem Maße als bisher gelingen, Vorteile aus den technischen Möglichkeiten zu ziehen. „Wir sollten ein Verständnis dafür erlangen, wie wir uns die Digitalisierung bestmöglich zu Nutze machen können“, sagte Prof. Müller.

 

Herausforderungen meistern

 

Prof. Gunter Dueck wies ebenfalls auf die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Digitalisierung hin – beispielsweise, dass der gesamte Straßenverkehr auf selbstfahrende Taxis umgestellt werden könnte. Solchen ambitionierten Zielen würden aktuell aber noch zahlreiche Hindernisse entgegenstehen, zum Beispiel dadurch, dass keine ausreichende Infrastruktur für das „Internet der Dinge“ vorhanden sei. Im unternehmerischen Bereich können ehrgeizige Pläne oftmals deshalb nicht erreicht werden, „weil die Mentalität der Leute nicht mitkommt“, sagte Prof. Dueck. Die Mitarbeiter müssten sich mit einer Veränderung der Kernkompetenzen auseinandersetzen: „Die Digitalisierung läuft darauf hinaus, dass die Routinearbeit von Computern und Robotern übernommen wird. Menschen werden nur noch zum Ausführen einfachster Computeranweisungen gebraucht oder für Komplexeres wie Verhandeln, Verkaufen, Motivieren, Inspirieren und Durchsetzen. Leider bringen aber die wenigsten diese Fähigkeiten mit.“

 

Mut machende Beispiele

 

Dieser ernüchternden Erkenntnis setzten die Teilnehmer des anschließenden Bistro-Talks Mut machende und praktische Ansatzpunkte entgegen: „Man muss als Unternehmen nicht bei 4.0 anfangen. Wichtig ist, das Positive der Digitalisierung für sich zu erkennen und einfach anfangen zu machen“, sagte Michael Kornhuber, Mitgründer des Start-ups delgate. Kornhuber unterstützt Firmen darin, starre Prozesse und Hierarchien abzubauen, sie transparenter, flexibler und wettbewerbsfähiger zu machen sowie Arbeitnehmern mehr Autonomie und Freiräume zu bieten.

 

Markus Müller, Manager Human Resources bei der Lilly Deutschland GmbH, beschrieb, wie ein entsprechender Wandel der Unternehmenskultur auf den Weg gebracht werden kann. Müller berichtete von einer „Transformationsreise“, auf der sich das Unternehmen befindet. Sein Ziel sei es, Kollegen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, sodass Führung auf Augenhöhe gelebt werden könne. Um dies zu erreichen, haben sich Mitarbeiter quer durch das Unternehmen zu zwölf Arbeitsgruppen zusammengefunden und beteiligen sich so an der Entwicklung der langfristigen Personalstrategie. Müller gab ehrlich zu, dass dadurch nicht jeder Mitarbeiter eingebunden werde könne und insbesondere auf Führungskräfte Herausforderungen zukommen würden. Nichtsdestotrotz ist „der Zug in Richtung Mitarbeiterbeteiligung abgefahren und viele sind bereits zugestiegen“, so Müller.

 

Die AOK Hessen hat auf der „Transformationsreise“ insbesondere die zwischen verschiedenen Generationen bestehenden Stereotype im Blick: Wie denken die älteren Kollegen über die jüngeren und was trauen diese sich selbst noch zu – diese und viele weitere Aspekte wurden im Rahmen einer Mitarbeiterbefragung erhoben. Sonja Lambert, Leiterin der Stabsstelle Diversity Management bei der AOK Hessen, fasst die Ergebnisse zusammen: „Die Generationen denken insgesamt positiv übereinander, sind aber in bestimmten Altersbildern verhaftet. Daraus resultieren vielfältige Altersstereotype, die auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung wirken und Personalmaßnahmen stark beeinflussen können.“ Lambert setzte sich für ein neues Verständnis von Arbeit und Alter ein: „Führungskräfte sollten ein positives Bild von älteren Mitarbeitern haben, diesen etwas zutrauen und ihnen auch fordernd gegenübertreten.“

 

Wie gelingt der individuelle Aufbruch in die neue Arbeitswelt?

 

Mitarbeiterbeteiligung, das Aufbrechen von Generationenstereotype und das alles im Kontext der Digitalisierung: Führungskräfte sind an vielen Fronten gefordert. Auf die Frage, wie die unterschiedlichen Anforderungen unter einen Hut gebracht werden können, gingen die Ratschläge der Diskutanten in eine ähnliche Richtung: „Antennen ausfahren“, „Ab nach draußen statt drinnen zu hocken“, „Mit den Veränderungen auseinandersetzen, Mut haben und anpacken“. Die mehr als 400 Teilnehmer haben mit ihrem Besuch des 7. Demografiekongresses genau dies gemacht und konnten sicherlich zahlreiche und vielfältige Aspekte für den individuellen Aufbruch in eine neue Arbeitswelt mitnehmen.

 

IHK WirtschaftsForum

Mai 2017

 

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