„Familie ist ein Zukunftsmodell“
Interview mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen

Die Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren, gilt als ein wichtiger Grund für die geringe Erwerbstätigkeit von Müttern einerseits und als Hindernis für die Familiengründung andererseits. Warum sind es noch immer hauptsächlich Frauen, die sich mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auseinandersetzen?

von der Leyen: Elternschaft und Kindeserziehung sind traditionell eher weiblich belegt. Aber inzwischen gibt es zwei Entwicklungen: Frauen nehmen stärker am Erwerbsleben teil und steigen in Führungspositionen auf. Dazu kommt, dass die klassische männliche Berufsbiografie als Familienernährer schwindet. Dafür wollen viele Männer ihre Vaterrolle anders wahrnehmen, aktiver, mit ausgewogenen Rechten und Pflichten. Wir stärken den jungen Männern durch die Partnermonate beim Elterngeld den Rücken.

Sie wollen damit also auch Vätern ermöglichen, mehr Erziehungsverantwortung zu übernehmen?

Ja, denn zu einem erfüllten Leben gehört auch Erziehungsverantwortung. Der aktive Vater muss ein Vorbild werden. Die Diskussion um das „Wickelvolontariat“ hat doch gezeigt, dass unsere Gesellschaft Männer verachtet, die aktiv ihre Kinder erziehen wollen. Das muss sich ändern. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen hierfür geeignete Rahmenbedingungen schaffen. Auf politischer Seite haben wir die Weichen richtig gestellt – mit dem Elterngeld, das wir ab 2007 einführen, dem Ausbau der Kinderbetreuung und unserem Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“.

Das geplante Elterngeld wird für eine Dauer von 12 beziehungsweise 14 Monaten gezahlt. Vor dem Hintergrund des derzeitigen Betreuungsangebotes für Kleinkinder stellt sich die Frage, welche Unterstützung Mütter und Väter, die wieder in den Beruf einsteigen wollen, in der Zeit nach dem Elterngeld bekommen.

Natürlich brauchen wir neben dem Elterngeld ein breites, vielfältiges und hochwertiges Netz der Kinderbetreuung. In Deutschland sind wir bei diesem Thema international noch weit zurück. Aber 90 Prozent der Kommunen haben heute schon sehr konkrete Ausbaupläne bis 2010. Es geht also voran. Das Elterngeld schafft erstmals einen Schonraum für Eltern, sich Zeit für Kinder zu nehmen, ohne deshalb einen finanziellen Einbruch verkraften zu müssen. Nach dieser Auszeit möchte die große Mehrheit wieder an ihren Arbeitplatz zurückkehren, gleichzeitig aber genug Zeit für die Familie haben.

Und an diesem Punkt beginnt die Verantwortung der Unternehmen?

Sie müssen jungen Eltern familienfreundliche Angebote machen. Sie etwa mit flexiblen Arbeitszeiten, Teilzeitmodellen oder Hilfen beim Wiedereinstieg unterstützen. Familienfreundliche Unternehmen bieten ihren Beschäftigten passgenaue Angebote, bei denen Unternehmensziele und Mitarbeiterinteressen in die Balance gebracht werden, weil davon beide Seiten profitieren. Firmen, die eine familienbewusste Pe rsonalpolitik betreiben, werden als Arbeitgeber bei jungen Eltern die Nase vorn haben, sie halten und an sich binden. Unternehmen, die Trendsetter sind auf diesem Gebiet, tun dies aus ganz nüchternen Überlegungen. Sie möchten, dass ihre Beschäftigten – Väter wie Mütter – nicht in andere Unternehmen abwandern, sondern ihre Talente für das Unternehmensziel entfalten. Die Diskussion um Kind und Karriere wird in Deutschland polarisierend geführt. Was können wir von unseren Nachbarländern lernen?

Hierzulande möchten zwei Drittel der Frauen mit Kindern unter drei Jahren arbeiten. In den Unternehmen wird Kindererziehung künftig daher nicht mehr nur ein reines Frauenthema sein: Im Ausland nehmen schon jetzt bis zu 80 Prozent der Männer ihre Partnermonate. So ist es etwa im englischsprachigen Raum und in Skandinavien für viele Unternehmen selbstverständlich, dass Arbeitszeit hochflexibel rund um Familie organisiert wird – unter der Voraussetzung, dass die Arbeitsergebnisse qualitativ hochwertig und pünktlich erbracht werden. Die Erfahrung zeigt: Alle Länder, die das Elterngeld eingeführt haben, weiten die Vätermonate jetzt sogar sukzessive aus. Weil es den Vätern, den Müttern, der Wirtschaft und vor allem den Kindern guttut.

Ist es vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und des absehbaren Fachkräftemangels einiger Branchen nicht höchste Zeit für ein Umdenken?

Immer mehr Unternehmen in Deutschland erkennen inzwischen, dass eine familienfreundliche Arbeitsstruktur in ihrem eigenen Interesse ist. Wir haben heute eine hervorragend ausgebildete Generation von Frauen. Jeder zweite Absolvent einer deutschen Hochschule ist eine Frau. Gerade in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels sind familienfreundliche Unternehmen, die jungen Frauen Perspektiven bieten, somit gut gerüstet. In familienfreundlichen Unternehmen kehren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Elternzeit früher zurück, sind seltener krank und arbeiten produktiver. Geschäftskontakte und Know-how bleiben erhalten und die Firma gewinnt Kompetenz hinzu, weil Erziehung von Kindern Führungsqualitäten entwickelt, wie Belastbarkeit, Verantwortungsbereitschaft, Organisationsfähigkeit und Flexibilität.

Unsere Gesellschaft altert von zwei Seiten. Die Menschen werden – glücklicherweise – immer älter, aber es werden zu wenige Kinder geboren. Mit welchen Veränderungen im Familienbild und folglich auch in der Familienpolitik müssen wir in Zukunft rechnen?

Familie war und ist kein Auslaufmodell. Familien verändern sich und passen sich an. Für Menschen aller Generationen, auch für Jugendliche, hat die eigene Familie oberste Priorität. Der Familienbegriff hat sich erweitert, und nie zuvor war das Verhältnis zwischen den Generationen so gut wie heute. Familie bedeutet, Vertrauen und Rückhalt zu finden, Verantwortung zu übernehmen, einander zu helfen und zu unterstützen. Familien übernehmen elementar wichtige Aufgaben, die der Staat ihnen niemals abnehmen kann und wird. Besonders in der Verantwortung für die ganz Jungen und die ganz Alten sind die Familien gefordert.

Junge Männer und Frauen wünschen sich mehrheitlich eine Familie und zugleich Erfolg im Beruf. Wie sorgt die Politik dafür, dass Paare ein modernes Leben mit Kindern führen können?

Die Bundesregierung setzt auf einen Dreiklang abgestimmter Maßnahmen in den Bereichen Infrastruktur, Zeit und Einkommen. Dazu gehören der Ausbau der Kindertagesbetreuung, die gezielte finanzielle Unterstützung – beispielsweise durch das Elterngeld - sowie eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit. Familie ist ein Zukunftsmodell für eine Gesellschaft, in der junge Menschen Ja zu Kindern sagen können.   


Das Gespräch führte
Sabine Syed
IHK Frankfurt am Main
Leiterin Personal


Ursula von der Leyen, Bundesfamilienministerin: „Immer mehr Unternehmen in Deutschland erkennen inzwischen, dass eine familienfreundliche Arbeitsstruktur in ihrem eigenen Interesse ist. Gerade in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels sind familienfreundliche Unternehmen, die jungen Frauen Perspektiven bieten, somit gut gerüstet.“



Erfolgsfaktor Familie –
Strategien für soziales und ökonomisches Wachstum
Vortragsveranstaltung mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen
Freitag,  23. März, 12 bis 13.30 Uhr, IHK Frankfurt am Main


Familienpolitik ist zu einem bedeutenden Wachstumsfaktor für die deutsche Volkswirtschaft geworden. Eine familienfreundliche Arbeitswelt und Unternehmenspolitik wird eine immer größere Rolle spielen, wenn es darum geht, qualifizierte Arbeitskräfte anzuziehen und die Wirtschaft nachhaltig zu stärken. Bundesministerin Ursula von der Leyen wird in einem Vortrag das Potenzial der Familienfreundlichkeit für die Wirtschaft vorstellen. Im Anschluss an den Vortrag besteht die Gelegenheit zur Diskussion.


IHK WirtschaftsForum
Januar 2007