Im Gleichgewicht
Fehlzeiten im Unternehmen senken, Leistung und Motivation der Mitarbeiter steigern

Die gemittelten Fehlzeiten in den Betrieben sind in Deutschland seit Jahren auf einem historischen Tiefststand. Dies zeigt an, dass die Dinge rund um die Befindlichkeit der Mitarbeiter im Großen und Ganzen auf einem guten Niveau sind. So erfreulich der Mittelwert auch ist, so schlecht kann es Einzelnen ergehen. Wenn sie nämlich an belastenden Faktoren des Betriebsklimas oder an einer chronischen Erkrankung beziehungsweise an der Wechselwirkung beider Umstände leidend, mit länger werdenden Fehlzeiten aus dem kollegialen Miteinander im Betrieb heraus und ins soziale und wirtschaftliche Abseits zu fallen drohen.


Mit hoher Plausibilität lässt sich das Ergebnis einer vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten und von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin unterstützten Untersuchung an knapp 1 000 südbadischen Lehrkräften auch auf andere Arbeitsverhältnisse übertragen: Offene Feindseligkeit, schwere Beleidigungen und Aggressivität, denen Lehrkräfte ausgesetzt sind, erwiesen sich – unter vielen berücksichtigten Einflüssen – als die bei Weitem stärksten die Gesundheit belastenden Einzelfaktoren.


Die vom Freiburger Lehrstuhl für Psychosomatische Medizin um Prof. Joachim Bauer durchgeführte Studie interessierte sich jedoch nicht nur dafür, was die Lehrergesundheit gefährdet, sondern analysierte auch, welche Faktoren einen positiven Einfluss hatten. Einen solchen protektiven Effekt auf die Lehrergesundheit haben laut dieser Studie vor allem positive Rückmeldungen von Schülern oder Eltern, aber auch die gegenseitige Unterstützung, die sich Lehrkräfte innerhalb des Kollegiums einer Schule geben. Vor allem weibliche Lehrkräfte bleiben gesund, wenn das kollegiale Klima gut ist. Männliche Lehrkräfte profitieren vor allem davon, dass sie vonseiten ihrer Schulleitung Unterstützung erleben.


Auch wenn der Betrieb keine Familie ist: Wir sind alle durch unsere familiären Erfahrungen mit Eltern und Geschwistern geprägt – und übertragen diese Erfahrungen in Form von verinnerlichten Verhaltensmustern auf unsere späteren Lebensverhältnisse in der Familie und im Beruf.


Jedes Unternehmen, ob groß oder klein, kann auf der Sachebene unter den Aspekten von Ziel, Aufgabe und Ergebnis betrachtet werden. Es kann aber auch auf der Beziehungsebene betrachtet werden. Denn Ziel, Aufgabe und Ergebnis werden von Menschen vertreten, wahrgenommen und erreicht. Die Matrix schließlich, der Mutterboden für dieses gemeinsame Streben und Wirken, sind die mehr oder minder guten Beziehungen, die jeder Einzelne wiederum zu jedem Einzelnen unterhält. Also auf die Beziehungen kommt es wortwörtlich an. Gesundheit ist damit zugleich Frucht und Ausdruck guter Beziehungen.

 

Berufliche Beziehungsgestaltung lohnt sich
Grundsätzlich und vor dem Hintergrund einer tendenziell die Bodenhaftung verlierenden Sozialstaatsdebatte gilt, dass nichts gesünder ist und glücklicher macht als wohlverstandene, das heißt im Rhythmus von Arbeit und Ruhe, von Geben und Nehmen ausgewogene Entfaltung von Kreativität und Leistung. Überall wo menschliche Belange sich sinnvoll und nützlich entfalten mögen, braucht es außerdem ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Freiheit und Bindung. Diese Ausgewogenheit kann in komplexen Systemen verloren gehen, beispielsweise wenn Ursachen-Wirkungs-Zusammenhänge nicht mehr durchschaubar sind.


Die neueren Erkenntnisse der Hirnforschung gewähren uns vergleichsweise tiefe Einblicke in die Funktionszusammenhänge unseres Gehirns, das über die Funktionen von Geist und Psyche (im englischen Sprachraum zusammengefasst als mind) sozusagen die Vorstandsetage, die Leitungsebene eines Menschen als eines in einem Fließgleichgewicht (steadystate) befindlichen Individuums darstellt. Eine Verbesserung der Kompetenzen in beruflicher Beziehungsgestaltung erscheint außerordentlich lohnend, denn neurobiologische Erkenntnisse legen einen Zusammenhang nahe zwischen einer Verschlechterung des interpersonalen Beziehungsgeschehens und stressbedingten Gesundheitsstörungen bis in die Ebene der Genregulation hinein. Zentrale Erkenntnis der neurobiologisch-psychosomatischen Forschung ist, dass „Beachtung, Anerkennung oder Zuwendung die Motivationssysteme aktivieren und die Stressachse beruhigen“ wie Bauer es ausdrückt, während „Ausgrenzung, Demütigung und als unlösbar empfundene soziale Konflikte“ die neurovegetativen und neurohumoralen (zum Beispiel auf die Ausschüttung von Adrenalin und Cortison wirkenden) und normalerweise für Kampf und Flucht bereitstehenden Stressbewältigungssysteme aktivieren. Die nicht im Gleichgewicht von Anspannung und Entspannung stehende, sondern andauernde (chronische) Aktivierung dieser Systeme ist mit einem hohen Erkrankungsrisiko verbunden. Insbesondere Bluthochdruck, Herzinfarkt, chronische Entzündungen und Schmerzerkrankungen als körperliche Manifestationen sowie Depression, Burn-out und Angsterkrankungen auf der psychischen Ebene sind hier zu nennen.


Im täglichen Miteinander ist unter dem Blickwinkel von Personalführung und Gesundheit der Mitarbeiter auf Folgendes zu achten:

  • Die persönliche Identität des Mitarbeiters steht immer in einem Spannungsverhältnis zur beruflichen Rolle, die in gewissem Maße angepasstes Verhalten erfordert. Hier geht es darum, das Gleichgewicht dahingehend zu halten, dass der Mitarbeiter den Zugang zu sich selbst behält und sich nicht unter dem Einfluss negativer Erfahrungen in eine identitätslose Unangreifbarkeit zurückzieht.
  • Auch bei der beruflichen Identifikation gilt es, die Balance zu wahren zwischen zu viel und zu wenig, wobei unter Aspekten der Gesundheit eher die Überidentifikation mit Gefahren verbunden ist, in Form von Aufopferung, Ruin der Privatsphäre und einseitiger Ausrichtung des Selbstwertgefühls am beruflichen Handeln.
  • So erweist es sich als hilfreich, im Umgang miteinander den anderen als Person wahrzunehmen und sich selbst auch als Person zu zeigen, sich einzufühlen in das, was der andere fühlt, und in der die Motive und die Position des anderen verstehenden Einfühlung auch einen Perspektivwechsel (von der eigenen Position zu der des anderen und umgekehrt) hinzubekommen. Dies erscheint gerade im Gespräch mit länger und schwerer erkrankten Mitarbeitern wichtig, denn diese erleben es als außerordentlich befreiend, vonseiten der Personal- oder Geschäftsführung einfühlendes Verständnis zu bekommen. Andererseits muss auch klar sein, dass eine Firma keine Rehabilitationseinrichtung ist und letztlich ganz selbstverständlich auf Vertragserfüllung besteht.
  • Zwischenmenschliche Zugewandtheit und Aufmerksamkeit aktivieren die Motivationssysteme und verbessern die Leistung. Angst, andauernd unlösbare Konflikte und Verlust der sozialen Unterstützung aktivieren die Stresssysteme. Dies kann im Einzelfall auch nützlich sein, in dem Sinne, dass jemand aufwacht und sich der Realität, zum Beispiel  einer notwendigen Herausforderung oder Auseinandersetzung, stellt. Auf längere Zeit bringen die andauernd aktivierten Stresssysteme die Motivationssysteme jedoch über neurobiologische Mechanismen regelrecht zum Absturz. Dieses Phänomen ist auch unter dem Begriff der inneren Kündigung bekannt.


Dies zeigt, dass Beziehungen und die Gestaltung von Beziehungen nicht nur Geist, Seele und soziales Miteinander betreffen, sondern ebenso das körperliche Befinden. Wer einem anderen Menschen guttut oder ihn beleidigt, greift nicht nur in das seelische Leben ein, sondern auch in das körperliche.   



Dr. Herbert Schultz-Gora

Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Hofheim

h.schultz-gora@t-online.de


IHK WirtschaftsForum
Juli - August 2009