Industriestandort: Um Akzeptanz Werben

Herr Vormann, FrankfurtRheinMain ist inzwischen ein stark dienstleistungsgeprägter Standort. Gleichwohl zeichnet der Industriesektor alleine im IHK-Bezirk Frankfurt für über 20 Prozent der Wirtschaftsleistung verantwortlich. Wird die Rolle, die Industrieunternehmen für Wachstum und Beschäftigung in der Region spielen, in FrankfurtRheinMain gebührend wahrgenommen?

 

Vormann: Klare Antwort: Nein. Es gibt zwar eine Tendenz, die in die richtige Richtung geht. Doch nach wie vor besteht zwischen der tatsächlichen Bedeutung der Industrie für die Wirtschaftsregion FrankfurtRheinMain und der öffentlichen Wahrnehmung eine deutliche Diskrepanz. In der Region gibt es fast 350.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe, das Kredit- und Versicherungswesen erreicht hier nicht einmal die Hälfte dieser Zahl. Die Industrie spielt nach wie vor eine tragende Rolle für Wohlstand und Beschäftigung in der Region. Und gerade die jüngste Finanzkrise hat deutlich gezeigt, wie wichtig die industrielle Wertschöpfung ist.

  

Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit Industrieunternehmen in der Metropolregion auch künftig wachsen können?

 

Vormann: Industrieunternehmen benötigen exzellente Infrastrukturen, bei der Logistik, aber auch in Bezug auf technische Rahmenbedingungen wie leistungsfähige IT-Netze. Wir brauchen den Frankfurter Flughafen als international bedeutsame Luftverkehrsdrehscheibe sowie gute Verkehrsanbindungen auf der Schiene und der Straße. Ein sehr wesentlicher Erfolgsfaktor für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen, aber auch von Wirtschaftsregionen, sind die Bereiche Ausbildung und Qualifizierung. 

 

Es wird in absehbarer Zeit immer schwieriger werden, qualifizierte- Nachwuchskräfte zu rekrutieren. Wie reagiert die Industrie auf den Fachkräftemangel?

 

Vormann: Jugendliche müssen verstärkt für technische und naturwissenschaftliche Berufe interessiert und durch eine engere Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft besser auf das Berufsleben vorbereitet werden. Zudem muss FrankfurtRheinMain für Menschen aus anderen Regionen Deutschlands und der Welt attraktiv sein, damit es den Unternehmen gelingt, qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen. Auch regulatorische Rahmenbedingungen beeinflussen den Markterfolg von Unternehmen im internationalen Wettbewerb. Dies gilt beispielsweise in Bezug auf Genehmigungsverfahren, vor allem aber hinsichtlich der Regelungsfelder, die inzwischen auf europäischer Ebene definiert werden. Eine gute Industriepolitik regelt so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich. Ich nenne das Smart Regulation, was für mich bedeutet, dass nur Dinge, bei denen staatliche Vorgaben unerlässlich sind, auch wirklich vom Staat geregelt werden, und zwar nach den bewährten Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft.

 

Der Industriezweig war bislang dafür bekannt, einen hohen Flächen-bedarf zu haben. Gibt es in der Region noch genügend Kapazitäten?

 

Vormann: Die Erweiterungsmöglichkeiten für Industrieflächen sind in der Region natürlich sehr begrenzt. Daher ist es umso wichtiger, die bestehenden Areale nach Möglichkeit zu erhalten und keiner anderen Nutzung zuzuführen, die industrielle Aktivitäten nicht mehr zulässt. Zudem muss die Regionalplanung auch Möglichkeiten schaffen, dass bestehende Unternehmen in der Region wachsen und sich perspektivisch entwickeln können. Dabei ist eine Zusammenarbeit der einzelnen politischen Ebenen erforderlich, die über Stadt- und Gemeindegrenzen hinausgehen muss und in FrankfurtRheinMain auch nicht an den Grenzen von Bundesländern haltmachen darf. Unterstützung kann die Politik auch leisten, wenn es um die gesellschaftliche Akzeptanz von industriellen Aktivitäten aus der grünen Perspektive geht. Wobei die Unternehmen hier auch selbst in der Pflicht stehen.

  

Inwiefern?

 

Vormann: Unternehmen sind gefordert, den Dialog mit ihrem Umfeld zu pflegen und auch darauf hinzuweisen, welchen Beitrag die Industrie in Bezug auf Ressourcenschonung und Umweltschutz leistet. Industrie muss nicht grün sein. Aber es ist im Sinne der Nachhaltigkeit möglich und nötig, den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens in Einklang mit den ökonomischen, ökologischen und sozialen Bedürfnissen der Gesellschaft zu bringen. Wir praktizieren das im Industriepark Höchst beispielsweise durch ein innovatives Energiekonzept. Es gewährleistet zum einen ein hohes Maß an Energieeffizienz und die Nutzung alternativer Energieträger zu international wettbewerbsfähigen Preisen. Zum anderen wird der CO2-Ausstoß im Vergleich zur konventionellen Energieerzeugung deutlich reduziert, um mehr als 430 000 Tonnen pro Jahr. Das entspricht dem durchschnittlichen jährlichen CO2-Ausstoß von 86 000 Einfamilienhäusern. Umgerechnet auf Vier-Personen-Haushalte ist das die Einwohnerzahl von Wiesbaden und Offenbach zusammengenommen. 

 

Welche Rolle spielt der Dienstleistungssektor an einem Standort für die Industrie?

 

Vormann: Industrie braucht Dienstleistung und umgekehrt. Es handelt sich um ein symbiotisches Verhältnis, das auf gegenseitiger Unterstützung basiert. Ohne die Industrieunternehmen und deren Mitarbeiter wäre der Dienstleistungssektor auch in FrankfurtRheinMain nicht überlebensfähig. 

 

In welchen Bereichen sehen Sie Industrieunternehmen in der Pflicht, ihren- Standort weiter zu stärken?

 

Vormann: Ein wichtiges Thema ist der Dialog mit der Öffentlichkeit, der kritisch und konstruktiv geführt werden muss. Hier sind auch Unternehmen gefordert, für ihre Projekte und Aktivitäten um Akzeptanz zu werben und den Informationsprozess selbst mitzugestalten. Auch bei regionalen Infrastrukturthemen wie dem Flughafenausbau sollten Unternehmen ein klares Bekenntnis abgeben, wie wichtig diese internationale Logistikdrehscheibe für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaftsregion ist – auch wenn derartige Statements natürlich nicht überall auf ungeteilte Zustimmung stoßen. Und beim Thema Aus- und Weiterbildung müssen die Unternehmen auch selbst Verantwortung übernehmen und die Ausbildung von Nachwuchskräften nicht anderen überlassen. Ein weiteres Thema ist Veränderungsbereitschaft, nicht nur in den Unternehmen, sondern auch in der Gesellschaft. Die Entwicklungen in einem globalen Wettbewerb machen mitunter Anpassungen erforderlich, die auch schmerzhaft sein können. Auch darüber muss man offen reden, um Verständnis und Akzeptanz zu erzeugen.

 

Zu guter Letzt ein Blick in die Zukunft der Region: Wo steht der Indus-triestandort FrankfurtRheinMain 2020?

 

Vormann: Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Entwicklung sind sicherlich gegeben. Aber wir müssen unsere Hausaufgaben machen. Das gilt für die Unternehmen, aber auch für die Politik. Es gilt, die Rahmenbedingungen kontinuierlich zu optimieren und den Veränderungen des globalen Wettbewerbs anzupassen. Ich bin sicher, dass FrankfurtRheinMain auch 2020 noch ein attraktiver und wettbewerbsfähiger Industriestandort sein wird.

 

 

Interview
Detlev Osterloh
Geschäftsführer,

IHK Frankfurt
Innovation und Umwelt
d.osterloh@frankfurt-main.ihk.de
 


IHK WirtschaftsForum
  April 2012