Landwirtschaft: In grösseren Einheiten Denken

Herr Schneider, bei der Aufzählung wichtiger Standortfaktoren für FrankfurtRheinMain wird die Landwirtschaft meistens nicht erwähnt.
Ist das für Sie ein Ärgernis?

 

Schneider: Nicht unbedingt. Als Standortfaktor sind die Banken und der Dienstleistungssektor zunächst wichtiger als die Landwirtschaft, weil sie die Wirtschaftskraft und den Wohlstand der Metropolregion maßgeblich prägen. Allerdings hätte sich keine Stadt entwickeln können, wenn es im Umland nicht zu allen Zeiten auch Menschen gegeben hätte, die mit Ackerbau und Viehzucht die Stadtmenschen versorgt hätten. Das wird oftmals vergessen.

 

Wie nehmen die Landbewohner und insbesondere die Städter die Landwirtschaft wahr?

 

Schneider: Zuallererst über die Produkte. Denn die Menschen legen zunehmend Wert auf eine gesunde Ernährung. Und gerade in FrankfurtRheinMain gibt es nicht wenige, die sich gute, frische Nahrungsmittel leisten können. Wir beobachten daher einen starken Trend zu heimischen Lebensmitteln und Wochenmärkten. Sie sind Schaufenster der landwirtschaftlichen Erzeugung in Frankfurt und im Umland. Schließlich bieten wir den Menschen noch eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft, in der sie sich abends und an den Wochenenden entspannen und von ihren anstrengenden Berufen erholen können.

 

Darüber hinaus kommen die Landwirte mit Events nach Frankfurt,
um ihre Produkte direkt zu vermarkten. Können Sie ein paar Beispiele nennen?

 

Schneider: Anfang März hat die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft erstmals die Messe Land und Genuss in den Messehallen veranstaltet. Im Mai folgt das Grüne Soße Festival von Anton le Goff auf dem Roßmarkt. Die sieben Kräuter sind typische Frankfurter Gewächse, die vor allem auf den Äckern in Oberrad wachsen. Auch das Frankfurter Stöffchen, der Apfelwein, spielt bei dem Festival eine Rolle. Im September lädt der Frankfurter Landwirtschaftliche Verein dann zum Erntefest in die Innenstadt.

 

Mit diesen Aktivitäten bieten Sie den Großstadtmenschen somit Landwirtschaft zum Anfassen?

 

Schneider: Genau. Auch Kindergärten und Schulklassen können gerne zu uns auf die Höfe kommen. Wir zeigen ihnen im Stall und auf dem Feld, wie moderne Landwirtschaft funktioniert – wir präsentieren keine Bilderbuchlandwirtschaft. All diese Initiativen dienen dem Dialog zwischen Großstadt und ländlichem Raum. Dadurch entsteht gegenseitiges Verständnis und Vertrauen. Man kennt sich, nichts ist anonym: Die Herkunft und die Produktion der Nahrungsmittel sind transparent – weil unsere Stalltore bildlich gesprochen offenstehen.

 

Durch ihre Arbeit auf der Scholle gestalten Landwirte die Kulturlandschaft. Wo ist das in FrankfurtRheinMain am augenfälligsten?

 

Schneider: Weite Strecken des Regionalparks RheinMain, der Apfelwein-Obstroute oder des Fernradwegs R 3 führen durch ein landwirtschaftlich geprägtes Umfeld. Charakteristisch für die Landwirtschaft im Ballungsraum ist die Vielfalt im Anbau – mit Weizen, Gerste, Mais, Zuckerrüben, Kartoffeln und Zwischenfrüchten. Landwirtschaft macht zudem die Landschaft bunt, wenn Klatschmohn, Kornblumen und Kamille blühen oder die Bäume in den Streuobstwiesen ihre Früchte tragen. Ende April, Anfang Mai, wenn es in den gelben Rapsfeldern nur so summt und brummt, da hört man es richtig leben.

 

Landwirte sind einerseits Landnutzer, andererseits Landschaftsschützer. Wie gelingt es Ihnen, in diesem Spannungsfeld den Boden nachhaltig zu bewirtschaften?

 

Schneider: Die Mengen an Pflanzenschutzmitteln und Dünger haben sich in den vergangenen 40 Jahren halbiert. Anders als früher, düngen wir der Pflanze ins Maul. Das heißt, wir geben ihr nur das, was sie wirklich benötigt – nicht mehr und nicht weniger. Der Nährstoffgehalt der Böden ist ausgeglichen, das Grundwasser hat allerbeste Qualität. Nehmen wir einmal die Wetterau: Dort werden seit über 150 Jahren Zuckerrüben angebaut, und die Äcker sind immer noch sehr fruchtbar. Oder das ehemals landwirtschaftliche Gebiet Riedberg. Scherzhaft gesagt: Wer dort den Finger in die Erde steckt und ihn nicht schnell genug herauszieht, dem wächst er an – so hervorragend ist der Boden. Diese Beispiele zeugen davon, wie verantwortungsvoll Bauern mit der Ressource Boden umgehen. Denn ihnen ist bewusst, dass sie die Lebensgrundlage auch der nachfolgenden Generationen ist.

 

Die Landesregierung hat für rund ein Fünftel der landwirtschaftlichen Flächen in Hessen Bewirtschaftungsauflagen und -verbote verhängt. Sind diese Ihrer Meinung nach zwingend notwendig?

 

Schneider: Nein, meiner Meinung nach ist nachhaltiger Landnutz immer noch der beste Landschutz. Eine Politik der sachlich wie fachlich unbegründeten Auflagen und Verbote ist strukturkonservierend und unproduktiv. Insbesondere vor dem Hintergrund der zur bewältigenden Energiewende ist eine solche Politik kaum zielführend, da sie nach hinten gerichtet ist. Im übrigen ist es ein Ammenmärchen, dass sich Wildtiere auf extensiv genutzter Fläche wohler fühlen. Rehe, Wildschweine und Hasen fressen am liebsten schmackhaftes, frisches Futter, wie es auf den bewirtschafteten Feldern und Wiesen wächst. Entscheidend ist nicht die Größe der bereitgestellten Flächen, sondern letztendlich die Qualität der Ruhe- und Äsungszonen für das Wild. Wir Bauern lassen den Wildtieren ausreichend Raum zum Leben – aber es müssen keine 20 Prozent der Ackerfläche sein.

 

Die Stadt Frankfurt hat derzeit einen Energiebedarf von 950 Gigawattstunden jährlich. Sie hat sich die Versorgung mit Energie aus 100 Prozent erneuerbarer Energie bis 2020 zum Leitbild gemacht. Schon jetzt ist absehbar, dass die Flächenbedarfe für die Anlagen zur Energieerzeugung kaum innerhalb des Siedlungsbestands realisiert werden können. Bereitet Ihnen der zusätzliche Flächenbedarf Sorge?

 

Schneider: Die Energiepläne der Stadt Frankfurt sind noch ehrgeiziger als die des Landes Hessen. Wenn ich jedoch verfolge, wie bereits drei simple Windräder in Bergen-Enkheim die Gemüter erhitzen, dann frage ich mich, ob die Stadt ihrem Ehrgeiz gerecht werden kann. Da in der verdichteten Region der Raum für Biogasanlagen knapp und somit der Anbau von Energiepflanzen nur begrenzt möglich ist, wird die Windenergie künftig eine zent-
rale Rolle bei der regionalen Energieerzeugung spielen. Dabei müssen die Windkraftanlagen nicht mehr zwangsläufig in der freien Landschaft gebaut werden, sondern bei einer Höhe von 160 Metern können sie durchaus über den Bäumen ihre Kreise drehen.

 

Mehr und mehr verändern Windkraftanlagen das Landschaftsbild. Ein Negativbeispiel in der Region ist in diesem Kontext sicherlich der Vogelsberg. Wie sehen Sie das als landwirtschaftlicher Unternehmer?

 

Schneider: An Windkraft führt kein Weg vorbei. Insbesondere die Windräder der neuen Generation sind für die Gewinnung von grünem Strom nun einmal hoch effizient. Ich kann aber auch diejenigen verstehen, die eine schöne, liebliche Landschaft mit ansprechenden Blickachsen einer verspargelten Landschaft vorziehen. Hier sind die Kommunen in der Pflicht, die Ausweisung von Vorranggebieten für die Winderzeugung vernünftig zu gestalten. Ein Ziel der Politik muss es sein, Windräder stärker in Parks zu konzentrieren und nicht mehr vereinzelt in der Landschaft zu platzieren. Was aber allen klar sein muss: Wohnortnahe Standorte können bei einer intensiven Nutzung von Windenergie in Zukunft nicht mehr ausgenommen werden.

 

An der Gesamtleistung erneuerbarer Energien in Deutschland haben Privatleute derzeit einen Anteil von 40 Prozent, elf Prozent steuern die Landwirte bei. Weitere elf Prozent halten sie im Rahmen der regenerativen Energieerzeugung. Überspitzt gesagt: Ist die Energiewende nun zu einer Aufgabe der Landwirte geworden?

 

Schneider: Die frühere Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast hat uns Bauern einmal als Ölscheichs der Zukunft bezeichnet. Der Ausspruch war vielleicht etwas übertrieben, hatte aber einen wahren Kern: Wir sind zwar Bauern und wollen es auch bleiben. Trotzdem bekennen wir uns zu unserer Verantwortung, an der Energiewende in Deutschland mitzuarbeiten und regenerative Energie zu erzeugen. Die Produktion von Nahrungsmitteln bleibt aber immer unsere erste und wichtigste Aufgabe. Teller vor Tank – diese Diskussionen gibt es ja seit Langem. Aber vor dem Hintergrund, dass in Hessen über 20 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen nicht hinreichend genutzt werden dürfen, sehe ich eine solche Konkurrenz nicht.

 

Die hessischen Landwirte waren unter dem Motto „Stoppt Landfraß“ Anfang des Jahres aufgerufen, sich an der Petition des Deutschen Bauernverbands gegen Flächenverbrauch zu beteiligen. Was hat es damit auf sich?

 

Schneider: Ausgleichsflächen nicht mitgerechnet, gehen allein in Hessen täglich rund vier Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche durch Infrastrukturmaßnahmen verloren, das entspricht der vierfachen Fläche der Commerzbank-Arena. Mit der Petition wollen wir eine Gesetzesinitiative auf den Weg bringen, um diesen Flächenverbrauch deutlich zu reduzieren. Denn jeder Hektar, der zugebaut wird, ist ein verlorener Hektar für die Produktion von Nahrungsmitteln und die Energieerzeugung. Es sollten nicht ständig neue Baugebiete ausgewiesen werden, sondern zunächst die Kerne von Dörfern und Städten verdichtet werden, denn dort gibt es viele Leerstände. Ein vernünftiges überregionales Flächenmanagement ist meiner Meinung nach unverzichtbar. Und da müssen wir uns künftig auch in größeren Einheiten als beispielsweise im Rahmen des Regionalverbands bewegen.

 

 

Interview
Petra Menke
Chefredakteurin,

IHK Wirtschaftsforum,

Unternehmermagazin der

IHK Frankfurt
p.menke@frankfurt-main.ihk.de

Luise Riedel
IHK Frankfurt
Innovation und Umwelt
l.riedel@frankfurt-main.ihk.de
 


IHK WirtschaftsForum
  April 2012