Metropolregion und Kultur: Spannungsreiche Beziehung

FrankfurtRheinMain – ein schillernder Begriff. Noch immer lässt er die meisten kalt; bis heute verbindet sich mit ihm kaum ein eingängiges Bild. Und dies, obwohl seit Jahren in FrankfurtRheinMain über Raumordnung- und Metropolbildung diskutiert wird. Eine weitere Beobachtung: In den Debatten über Wesensmerkmal und Verfasstheit von RheinMain spielt die Kultur- eine untergeordnete Rolle; freundlich wurden und werden ihr Funktionsbereiche wie Lebensqualität oder Imagefaktor zugedacht. Im regionalen Monitoring 2011 des Regionalverbands FrankfurtRheinMain mit Daten und Fakten zur Region begegnet der Begriff einmal, im Kapitel „Burgruine, Wellenbad und Wetterpark – ausgewählte überregionale Freizeiteinrichtungen“.

 

Ob nun das eine mit dem anderen zusammenhängt: Hier die langwierige Debatte über eine Ordnung für die RheinMain-Region, da das Ausblenden von Kultur? Vielleicht ist es an der Zeit, an eine zeitlose Erkenntnis zu erinnern: Jede innere Ordnung eines bestimmten Raums und eines (angestrebten) Gemeinwesens kommt auf Dauer nicht ohne Kunst und Kultur aus – nicht als Zierrat oder Sozialkapital à la Pierre Bourdieu, sondern als Reservoir gemeinsamer Erinnerungsorte und Gründungsmythen sowie als Labor für Gesellschaftsentwürfe. Nur in der schöpferischen Auseinandersetzung mit Orten und Mythen aus Kultur und Geschichte eines gemeinsamen (Kultur-)Raums, erst in der stets ungewissen Arbeit an der künstlerischen Ausformung von Ideen und in der öffentlichen Diskussion darüber entstehen jene Wechselwirkungen und Bindungen, die für ein Gemeinwesen auf Dauer unverzichtbar sind.

 

Der 2007 errichtete Kulturfonds Frankfurt RheinMain – getragen von Hessen, Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden, Main-Taunus-Kreis und Hochtaunuskreis – ist angetreten, nach Auswegen aus diesem Dilemma zu suchen. Einer davon, der der Lastenteilung, setzt handfest an: Die großen, renommierten Kultureinrichtungen der Stadt Frankfurt, deren Einzugsbereiche weite Teile Südhessens erfassen, bedürfen für bestimmte Vorhaben entsprechender Co-Finanzierung. Dank der Beiträge der Gesellschafter dieser GmbH werden immer wieder maßgebliche Beträge zur Förderung herausgehobener Kulturprojekte in Frankfurt aufgebracht.

 

Der zweite Ansatz ist der einer Exzellenzinitiative für Kunst und Kultur in FrankfurtRheinMain. In beiden Fällen geht es darum, durch einen von externen, hochrangigen Fachleuten gehüteten Qualitätswettbewerb die besten Kulturvorhaben ausfindig zu machen und unabhängig von deren Ort und Größe für Frankfurt-RheinMain zu fördern. Nicht nur materiell übrigens, sondern auch durch die Nutzung von Synergien, etwa in Werbung und Marketing sowie durch moderierte Netzwerkbildung. Somit gelingt es immer wieder, herausragende Schwerpunkt-Projekte mit Strahl- und Anziehungskraft weit über Hessen hinaus zu entwickeln. Ein Beispiel: das Phänomen Expressionismus mit unter anderem der großen Wiederaufführung der Neufassung des Stummfilms Metropolis- (1927/2010); ein anderes: das internationale Festival zeitgenössischer Musik- Cresc- (November 2011).

 

Die Verantwortlichen zählen dabei auch in Zeiten der Schuldenbremse übrigens auf den geistigen wie materiellen Mehrwert von Kulturförderung durch den Staat. Wie immer die Fachleute auch rechnen: Per Saldo bringt öffentliche Kulturförderung einen Gewinn. Die Branche der Kulturwirtschaft steht für immerhin 1,6 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Oder mit einem hiesigen Beispiel: Ein Euro städtischer Kulturförderung bedeutet für Darmstadt, so war zu lesen, mittelbar über 2,50 Euro an Umsatz.

 

Bei solchen Formen der Kulturarbeit und ihrer Verrechnung kann es indes nicht bleiben, sofern denn Kunst und Kultur nicht nur „die sympathische Nische unserer Gesellschaft sind, sondern das Eigentliche, das sie zusammenhält“, so Bundestagspräsident Norbert Lammert 2007 in Frankfurt. Denn es braucht zweierlei, um Gemeinwesen Stabilität zu sichern: der Verständigung über gemeinsame Anliegen in der Zukunft und der Vergewisserung gemeinsamer, tragender Geschichten. Auf die Region RheinMain gewandt: Das Ausloten von besonderen Phasen der Kulturgeschichte in der so vielfältigen Städtelandschaft kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, Gemeinsamkeiten (wieder) zu entdecken.

 

In diesen Wochen setzt mit der Ausstellung „Hänsel und Gretel im Bilderwald“ des Freien Deutschen Hochstifts der Impuls Romantik ein, ein neuer Themenschwerpunkt des Kulturfonds. Er wird ähnlich wie das Phänomen Expressionismus zeigen, dass FrankfurtRheinMain nicht nur heute durch Pendlerströme und Verwaltungsstrukturen zusammengehalten wird, sondern auch auf gemeinsamem Grund steht. Lebensstationen wie die des Frankfurters Clemens Brentano oder des Hofheimer Musikers Franz J. Messer werden innere Verbindungslinien zwischen Main, Rhein und Taunus aufzeigen, die bis heute wirken.

 

Ab Mai startet ein besonderes Verbundvorhaben, das dies erfahrbar macht: Die Via Brentano, mit der die KulturRegion und der Kulturfonds ein weiteres kulturelles Band zwischen Rhein und Main, von Oestrich-Winkel über Frankfurt bis Aschaffenburg ziehen werden.

 

Kunst und Kultur bedürfen, um blühen zu können, so wie die Wissenschaft der Freiheit. Je größer die inhaltliche Einflussnahme oder Vorbestimmung, desto geringer ihre Erträge. Theodor Heuss formulierte nobel: „Mit Politik kann man keine Kultur machen; aber vielleicht kann man mit Kultur Politik machen.“ Ähnliches lässt sich auch für die Kulturförderung sagen: Auch deren Erträge für das Gemeinwesen steigen mit dem Grad an selbstbestimmter und -organisierter Arbeit. Die Frage, wie sich dies denn am besten organisieren und administrativ ordnen lasse, zählt insofern nicht zu den vorrangigen Fragen für die weitere Ausformung der Metropolregion FrankfurtRheinMain und des eigenständigen Beitrags von Kultur.

 

Vielmehr gilt es, ähnlich wie in der Technik, Spannungsfelder zu ermöglichen, starke Pole unseres Gemeinwesens – Wirtschaft : Politik beziehungsweise Gesellschaft : Kultur – in ihrer je eigenen Position zu erkennen und in freier Wechselwirkung zu nutzen. Nur dann kann eine Metropolregion zum zugkräftigen Motor gesellschaftlicher Entwicklung werden. Für die Akteure aus Politik und Wirtschaft gilt im eigenen Interesse: Fordern und fördern wir Kultur für eigene, spannungsreiche tragfähige Beiträge zugunsten der Metropolregion FrankfurtRheinMain und ihrer zusammenwachsenden Gesellschaft.


 

Autor
Dr. Albrecht von Kalnein
Geschäftsführer,

Kulturfonds Frankfurt RheinMain,
Bad Homburg
kontakt@kulturfonds-frm.de.de

 

IHK WirtschaftsForum

April 2012