10 Jahre Brexit: Finanzplatz im Aufwind, Industrie und Handel spüren Gegenwind


19. Juni 2026
Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum zieht die Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt am Main eine differenzierte Bilanz der wirtschaftlichen Auswirkungen für die Region. Während der Finanzplatz Frankfurt von der Neuordnung der europäischen Finanzarchitektur unter dem Strich profitiert hat, zeigen sich in der Außenwirtschaft und im industriellen Sektor deutliche Belastungen. Mit Blick nach vorn ist daher aus Sicht der IHK eine weitere wirtschaftliche Annäherung zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich im Interesse beider Seiten geboten.
Der Finanzplatz Frankfurt verzeichnet seit 2016 ein Wachstum bei Beschäftigung, Institutsansiedlungen und Bankaktiva sowie steigende Steuererträge. Er konnte Teile der Londoner Finanzwirtschaft anziehen und seine führende Rolle im Euroraum ausbauen, gerade auch dank seiner Funktion als zentraler Regulierungsstandort. Allerdings steht der Finanzplatz auch weiterhin in intensivem Wettbewerb mit anderen Standorten im Euroraum, was einzelne lukrative Geschäftssegmente betrifft. Frankfurt sollte hier seine Attraktivität als Finanz-Hub weiter stärken. Der dringend notwendige Erweiterungsneubau der Europäischen Schule auf dem Bundesbank-Campus in Ginnheim wäre hierfür ein wichtiger Schritt.
Für Industrie, Handel und Dienstleistungen außerhalb des Finanzsektors hingegen ist die Entwicklung seit dem Referendum klar negativ: Die hessischen Exporte ins Vereinigte Königreich sanken von rund 4,5 Mrd. Euro (2015) auf 2,9 Mrd. Euro (2025). Das Land fiel von Rang 3 auf Rang 12 der wichtigsten Absatzmärkte Hessens zurück. Ursache sind vor allem nichttarifäre Handelshemmnisse wie zusätzliche Zollformalitäten, Konformitätsprüfungen und regulatorische Anforderungen, die insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen zu einem Mehr an Bürokratie, Kosten und Verzögerungen führen.

Engere Zusammenarbeit im gemeinsamen Interesse

„Das Vereinigte Königreich ist nach wie vor hinter den USA und China der drittwichtigste Handelspartner der EU, umgekehrt ist die EU der mit Abstand wichtigste Handelspartner der Briten. Gleichzeitig haben seit der Brexit-Entscheidung der Briten vor 10 Jahren die globalen wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen, die beide Partner gleichermaßen treffen, massiv zugenommen. In dieser Situation gilt es, Kräfte wieder stärker zu bündeln und wirtschaftliche Gräben infolge des Brexits nicht weiter zu vertiefen, sondern so weit wie möglich zu beseitigen“, so IHK-Präsident Ulrich Caspar.
Die IHK Frankfurt spricht sich daher für eine weitere wirtschaftliche Annäherung zwischen der EU und dem Vereinigtem Königreich aus. „Eine Vertiefung der Zusammenarbeit – etwa durch regulatorische Angleichungen, vereinfachte Zollverfahren und bessere Mobilität von Fachkräften – würde den gegenseitigen Marktzugang gerade für kleine und mittlere Unternehmen wieder erleichtern und beiden Seiten die Chance zu höheren Wohlfahrtsgewinnen eröffnen. Es wäre wichtig, dass von dem anstehenden EU-UK-Gipfeltreffen ein deutlicher Impuls in diese Richtung ausgeht,“ so Caspar weiter.