Lithium aus dem Oberrheingraben

Vulcan Energy und das Lionheart-Projekt
Vulcan Energy ist ein deutsch-australisches Unternehmen, das klimaneutrales Lithium und erneuerbare Energie aus Solevorkommen im Oberrheingraben gewinnt.
Kern des Lionheart-Projekts ist der Aufbau einer integrierten europäischen Wertschöpfungskette für Lithium von der Rohstoffgewinnung aus dem Oberrheingraben bis zur industriellen Weiterverarbeitung im Industriepark Höchst mit möglichst geringen CO₂-Emissionen.
In der Region Landau wird lithiumhaltige geothermische Sole gefördert, das Lithiumchlorid extrahiert und die Sole anschließend in den Untergrund zurückgeführt. Durch die natürlich erhitzte Sole wird außerdem Erneuerbare Energie erzeugt, welche für den Produktions- und Verarbeitungsprozess zu batteriefertigem Lithiumhydroxid-Monohydrat genutzt wird. Überschüssige Energie wird den umliegenden Gemeinden in Form von grünem Strom und klimaneutraler Wärme bereitgestellt.
Im Industriepark Höchst wird das Lithiumchlorid zu batteriefähigem Lithiumhydroxid-Monohydrat weiterverarbeitet. So verbindet das Projekt heimische Rohstoffgewinnung mit industrieller Weiterverarbeitung und trägt dazu bei, die Abhängigkeit von Importen zu verringern.
Nach der Inbetriebnahme der Optimierungsanlage CLEOP im Jahr 2024 entsteht dort derzeit die Großanlage CLP zur Herstellung des Rohstoffs im industriellen Maßstab. Geplant ist eine jährliche Produktion von bis zu 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat. Zusätzlich sollen im Rahmen des Lionheart-Projekts rund 275 GWh Strom und 560 GWh Wärme pro Jahr bereitgestellt werden.
Herr Dr. Kreuter, Sie sind Mitgründer von Vulcan Energy. Wie kamen Sie auf die Geschäftsidee, aus Thermalwasser Lithium zu gewinnen?
Dr. Kreuter:
Die Idee war grundsätzlich nicht neu. Schon in den 1970er- und 1980er-Jahren wussten französische Forscher im Elsass, dass Thermalwasser im Oberrheingraben Lithium enthält. Damals fehlte allerdings der Markt. Lithium-Ionen-Batterien gab es noch nicht.

Erst mit der Entwicklung der Elektromobilität und der Notwendigkeit von Energiespeichern bekam dieses Wissen plötzlich auch wirtschaftlich eine enorme Bedeutung. Unsere Geschäftsidee war letztlich einfach: Wir wussten, dass Lithium gebraucht wird und dass es im Oberrheingraben vorhanden ist. Der entscheidende Impuls kam 2018, als mich der australische Geologe Francis Wedin über LinkedIn kontaktierte. Wenige Monate später gründeten wir gemeinsam Vulcan Energy, um dieses Potenzial industriell nutzbar zu machen.
Die Umsetzung eines solchen Projekts erfordert erhebliche Investitionen. Wie ist es Ihnen gelungen, die Finanzierung auf den Weg zu bringen?
Dr. Kreuter:
Die Finanzierung war anfangs tatsächlich eine große Herausforderung. In Europa hörten wir oft denselben Satz: „Kommt wieder, wenn ihr produziert.“ Also gingen wir nach Australien. Dort gab es Erfahrung mit Lithium und eine größere Offenheit gegenüber Rohstoffprojekten. Wir übernahmen ein börsennotiertes Unternehmen, gaben ihm einen neuen Namen und präsentierten unsere Idee in einer Roadshow. Innerhalb von drei Tagen erhielten wir Zusagen von über sechs Millionen australischen Dollar.
Sie sind bei der Startfinanzierung über die Börse gegangen und haben bewusst auf klassische Förderprogramme verzichtet. Warum?
Dr. Kreuter:
Hier waren vor allem zwei Faktoren ausschlaggebend: Zeit und Bürokratie. Förderprogramme bedeuten nicht nur das Schreiben von Anträgen, sondern auch eine umfangreiche Dokumentation und langwierige Prozesse, die Ressourcen binden. Wir wollten schnell handeln! Rückblickend war das entscheidend. Dadurch konnten wir zu den ersten Unternehmen in Europa gehören, die Lithium aus Geothermie systematisch entwickeln.
Warum haben Sie sich für den Industriepark Höchst als Standort für die industrielle Weiterverarbeitung entschieden?
Dr. Kreuter:
Wir haben verschiedene Standorte geprüft. Ausschlaggebend für Höchst war die große Kooperationsbereitschaft von Infraserv sowie die vorhandene industrielle Infrastruktur. Wir haben uns hier von Anfang an willkommen gefühlt. Gerade bei einem neuartigen Industrieprojekt ist ein solches partnerschaftliches Umfeld ein wichtiger Standortfaktor.

Für den Aufbau der Lithiumproduktion bietet Höchst ideale Voraussetzungen. Neben den kurzen Wegen innerhalb des Chemieparks profitieren wir von bestehenden Versorgungs- und Genehmigungsstrukturen sowie der Möglichkeit, Stoffströme effizient einzubinden.

Würde man eine vergleichbare Anlage auf der grünen Wiese errichten, wären Aufwand und Genehmigungsbedarf deutlich größer. Auch die Unterstützung durch die Stadt Frankfurt und das Hessische Wirtschaftsministerium hat uns geholfen. Insgesamt bietet der Industriepark Höchst für die industrielle Umsetzung unseres Projekts hervorragende Voraussetzungen.
Fühlen Sie sich grundsätzlich von Politik und Verwaltung unterstützt?
Dr. Kreuter:
Insgesamt erleben wir, dass die Bedeutung einer heimischen Rohstoff- und Energieversorgung heute stärker erkannt wird als noch vor einigen Jahren. Länder wie Rheinland-Pfalz und Hessen haben das Potenzial solcher Projekte erkannt.

Gleichzeitig sind Genehmigungsverfahren komplex. Gerade bei neuen Technologien mussten Behörden teilweise zunächst entsprechendes Know-how und personelle Kapazitäten aufbauen. Hier hat sich in den vergangenen Jahren bereits vieles verbessert.
Ein sensibles Thema bleibt die Akzeptanz vor Ort. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Dr. Kreuter:
Gerade in Landau war die Skepsis anfangs groß. Auch aufgrund früherer Geothermieprojekte. Dort mussten wir Vertrauen praktisch neu aufbauen.

Unsere Erfahrung ist, dass Widerstand oft nicht aus der Bevölkerung selbst kommt, sondern aus fehlender Kommunikation oder politischen Vorbehalten. Wenn Menschen verstehen, worum es geht, können sie Chancen und Risiken besser einordnen. Transparenz ist deshalb für uns keine Nebensache, sondern Teil des Projekts. Wir haben Besucherzentren eröffnet, Führungen angeboten und erklärt, was wir tun. Kommunikation kostet Zeit und Geld, aber sie entscheidet über Erfolg oder Misserfolg.
Lithium ist längst ein geopolitisches Thema geworden. Welche Rolle könnte der Oberrheingraben in Zukunft spielen?
Dr. Kreuter:
Eine sehr bedeutende. Nach unseren Berechnungen könnte langfristig ein erheblicher Teil des deutschen und europäischen Lithiumbedarfs aus dieser Region stammen. Damit ließe sich perspektivisch ein großer Teil des deutschen Bedarfs aus heimischen Quellen decken. Das würde Europa unabhängiger von Importen und insbesondere von China machen. Natürlich braucht das Zeit. Unser erstes Projekt hat von der Idee bis zur Produktion rund zehn Jahre benötigt. Die nächsten Projekte könnten schneller gehen.
Die Reduzierung von Abhängigkeiten hat auf der politischen Ebene auch zu einem Umdenken bei der Unterstützung der Rohstoffförderung geführt. Wie wichtig sind für Sie inzwischen europäische und deutsche Förderinstitutionen?
Dr. Kreuter:
Sehr wichtig. Anfangs war gerade bei der Europäischen Investitionsbank große Skepsis gegenüber Rohstoffprojekten vorhanden. Erst intensive Gespräche und viel Überzeugungsarbeit haben das geändert. Heute steht die EIB hinter unserem Projekt und hat erhebliche Finanzierungen zugesagt. Das wirkt wie ein Qualitätssiegel und erleichtert weitere Investitionen. Zudem sind wir das erste Projekt in Deutschland, das über den Deutschen Rohstofffonds mitfinanziert wird. Die KfW stellt uns Eigenkapital zur Verfügung, ist also sozusagen Mitgesellschafter der Vulcan Energy.
Dennoch sind Geothermie- und Lithiumprojekte trotz dieser Unterstützung weiterhin schwieriger zu finanzieren als andere Energieprojekte?
Dr. Kreuter:
Anders als bei Wind- oder Solarparks entsteht die notwendige Sicherheit erst schrittweise durch Erkundungen und Bohrungen. Dieses geologische Risiko macht Investoren naturgemäß vorsichtiger. Deshalb sind Instrumente zur Risikoabsicherung gerade in frühen Projektphasen besonders wichtig.

Der Critical Raw Materials Act setzt zwar wichtige politische Signale und beschleunigt Genehmigungen. Im internationalen Vergleich, etwa mit den USA oder Kanada, fehlt Europa jedoch häufig noch die finanzielle Schlagkraft, um strategische Rohstoffprojekte in gleichem Umfang zu unterstützen. Politische Strategien allein reichen nicht aus, Versorgungssicherheit entsteht erst dann, wenn Genehmigungen, Finanzierung und industrielle Umsetzung zusammengedacht werden.
Wie optimistisch sind Sie für die Zukunft, dass Deutschland und Europa bei strategischen Rohstoffen international aufschließen können?
Dr. Kreuter:
Ich bin hier optimistisch. Der Weg ist lang und manchmal mühsam. Aber wir sehen, dass sich etwas verändert – politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Wenn wir Energie und Rohstoffe verantwortungsvoll gewinnen können, dann entsteht daraus eine große Chance für Deutschland und Europa.
Viele Industrieunternehmen klagen über Fachkräftemangel. Wie gehen Sie mit dem Fachkräftemangel um?
Dr. Kreuter:
Wir beobachten tatsächlich, dass wir im Vergleich zu vielen Industrieunternehmen relativ wenig Schwierigkeiten haben, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen. Ein Grund ist sicherlich, dass viele Menschen einen Beitrag zur Energiewende leisten möchten.

Wir erhalten beispielsweise Bewerbungen von Fachkräften aus der Öl- und Gasindustrie, die ihre Erfahrung nun in einem nachhaltigen Zukunftsprojekt einbringen wollen. Unsere Mitarbeitenden kommen inzwischen aus rund 40 Nationen und identifizieren sich stark mit dem Ziel, Lithium und erneuerbare Energie klimafreundlich bereitzustellen. Diese gemeinsame Motivation ist für uns ein wichtiger Erfolgsfaktor.
Herr Dr. Kreuter, abschließend: Welche drei Voraussetzungen sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig, um diese Chance einer heimischen Rohstoffgewinnung bestmöglich zu nutzen?
Dr. Kreuter:
Erstens: mehr Offenheit gegenüber heimischen Rohstoffen. Zweitens: bessere Unterstützung in frühen Projektphasen, etwa durch Risikoabsicherung oder staatliche Bohrprogramme. Drittens: ein realistischer Blick auf die Energiewende.

Wer Elektromobilität und Batteriespeicher will, braucht auch Lithium. Dabei können wir diese Rohstoffe hier oft klimafreundlicher und unter höheren Umweltstandards gewinnen als anderswo in der Welt.
Das Interview führten im Mai 2026 Anna-Sophie Weisenburger (IHK Frankfurt am Main) und Dr. Rainer Behrend (Behrend-Institut Frankfurt am Main).